"Opfer typischer Zwangsehen"

23. März 2005, 07:00
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Mary Astell, englische Philosophin, gab vor mehr als dreihundert Jahren ihre "Betrachtungen über die Ehe" heraus

Gegen die typischen Zwangsehen ihrer Zeit, die "nicht aufgrund persönlicher Neigung entstehen, sondern wegen wirtschaftlicher und politischer Überlegungen von den Familien arrangiert werden", und für die Opfer dieser Verbindungen, die Frauen, wendet sich die Publikation Mary Astells "Some Reflections upon Marriage und A Serious Proposal to the Ladies", welche um 1700 in England erschienen ist.

"Wenn absolute Souveränität in einem Staat nicht notwendig ist, wie kommt es dann, dass sie in der Familie notwendig sein soll? ... Falls willkürliche Gewalt an sich schlecht ist ... sollte sie nirgendwo ausgeübt werden, sie ist sogar noch schädlicher innerhalb von Familien als in Königreichen...", heißt es darin. Auslösend für die Philosophin, die im 17. und 18. Jahrhundert zu den bekannten DenkerInnen zählte, waren ihre Beobachtungen über unglückliche Ehen und die Berichte befreundeter Frauen über deren eigene. Ihr Werk fand in mehreren Auflagen reißenden Absatz und blieb von extremer Kritik und Polemik nicht verschont. Die Forderungen nach Beseitigung männlicher Herrschaft über das weibliche Geschlecht sowie nach weiblichen Freiräumen für geistige Beschäftigung, also gleiche Bildungschancen, brachten ihr im anglikanischen England den Vorwurf ein, mit der römisch-katholischen Kirche zu symphatisieren.

Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts doch sehr gewagten Äußerungen Astells wären längst vergessen, wenn die englischen Originaltexte nicht im Zuge der Neuen Frauenbewegung wieder neu aufgelegt worden wären. Denn damit, insbesondere auch mit der deutschen Übersetzung von "Some Reflections upon Marriage und A Serious Proposal to the Ladies", konnte auch der weibliche Anteil an der Aufklärung wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Somit wird ersichtlich, dass Frauen wie Astell bereits hundert Jahre vor Rousseau und Kant gleiche Vernunft aller Menschen angenommen und Bildung gefordert haben.

Biografisches

Mary Astell (1666 - 1731) wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in Newcastle-upon-Tyne auf. Nach Abschluss ihrer schulischen Ausbildung im Jahr 1688 zog sie nach London, um ihr Leben "dem Geist und der Wahrheit" zu widmen. Astell, die selbst nie verheiratet war, stand in engem Kontakt mit Lady Catherine Jones, Lady Ann Coventry und Lady Elisabeth Hastings, die später auch ihre Publikationen förderten. Philosophisch interessierte sie sich besonders für die damals populäre Naturphilosophie, wie sie Descartes und Bacon entwickelt hatten, und die Ethiken von Hobbes und Locke.

Damit eng verbunden war die Frage nach Natur, Intelligenz und Seele der Frau und die Unrechtmäßigkeit ihrer Unterdrückung. Besonders in den Jahren 1703 bis 1709 beteiligte sich Mary Astell an parteipolitischen und öffentlichen politischen sowie wissenschaftlichen Debatten. Später zog sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück und übernahm die Leitung der Charity School in Chelsea. 1731 erkrankte sie an Brustkrebs und starb im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Brustoperation. (dabu / Quelle: Philosophenlexikon)

Mary Astell, Patricia Springborg:
A Serious Proposal to the Ladies
Edition Paperback
ISBN: 1551113066
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    foto: buchcover
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