Eigene Firma - neue Karriere

10. November 2005, 12:46
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Der Gründerboom hält an. 29.700 nachhaltige Betriebe sind 2004 entstanden. Das Motiv: Der Wunsch nach Selbstständigkeit

Das Erforschen und die Bildung von Plattformen für die neuen Unternehmerinnen und Unternehmer beginnt jetzt.

Der Wandel in der heimischen Wirtschaft beschleunigt sich: Laut aktuellen Zahlen der Wirtschaftskammer wurden 2004 rund 29.700 nachhaltige Unternehmen neu gegründet. Das sind um 1400 mehr als im "Gründerboomjahr" 2003. Die 2004 insgesamt erfolgten 31.500 Gründungen sind um so genannte Scheinunternehmen (Lebensdauer kürzer als sechs Monate) bereinigt. Mit 31,3 Prozent gibt es die meisten neuen Firmen im Bereich Gewerbe und Handwerk, fast 29 Prozent im Handel, Information und Consulting folgen mit 23,8 Prozent. Insgesamt ein heterogenes Bild, das vom Nebenerwerb im Direktvertrieb bis in die "creative industries" reicht.

Über 80 Prozent dieser neuen Betriebe sind nicht protokollierte Einzelunternehmen. (Eine Protokollierung ist erst möglich, wenn in zwei aufeinander folgenden Jahren ein Umsatz von 400.000 Euro erreicht ist). Die Gründer kommen zu 72 Prozent aus Angestelltenverhältnissen in der Privatwirtschaft, zu sechs Prozent aus der Arbeitslosigkeit und zu über fünf Prozent aus dem Ausbildungsstatus. Das Hauptmotiv ist einer Studie des Gründer Service der WKÖ zufolge "lieber Chef sein als Chef haben" und "selbstständig sein". Lediglich rund zehn Prozent fühlen sich mangels Optionen in die Selbstständigkeit "gedrängt".

Peter Voithofer, Geschäftsführer der KMU Forschung Austria, sieht im an- haltenden Anstieg der Gründung von Kleinstunternehmen einen "fortschreitenden Strukturwandel", getrieben einerseits wohl von ungünstigen Arbeitsmarktdaten und dem Verlust lebenslanger Jobsicherheit im Angestelltenbereich. Andererseits ortet er aber durchaus den "Gründergeist" - den Wunsch eigenständig und unabhängig etwas zu schaffen.

Christine Bauer-Jelinek, prominenter Wirtschaftscoach und Begründerin der Initiative Mikrobetriebe(www.mikro betriebe.at) in Wien, sieht wohl auch Sachzwänge, die zur "Verselbstständigung" führen, mehrheitlich aber Menschen, die "auch aus gut dotierten Angestelltenpositionen heraus neue Karrieren in der Selbstständigkeit suchen und finden". Rainer Ribing, Bundesgeschäftsführer der Jungen Wirtschaft, ortet "ein neues Bild des Unternehmertums - nicht mehr Zigarre und Mercedes, sondern Frauen und Männer, die ihren eigenen Weg gehen".

Einer aktuellen Studie der Tiroler Wirtschaftskammer zufolge beurteilt nur knapp ein Viertel der Ein-Personen-Unternehmen (EPU) das öffentliche Klima für ihre Unternehmensform als "gut oder sehr gut". Als "Modernisierungs-oder Outsourcingopfer" schätzen sich zwei Drittel der Tiroler EPU jedenfalls nicht ein. Allerdings: Noch spielt sich dieser neue Gründerboom im schwer beschreibbaren Raum ab. Die Erforschung beginnt erst, nicht einmal die Terminologie ist klar: neue Selbstständige EPU, Mikrobetriebe. "Das Image dieser neuen Unternehmerinnen und Unternehmer ist mit einer Menge Irrtümer verbunden", so Bauer-Jelinek: Sie seien zu klein zum Überleben, sie brauchten mehr Eigenkapital, sie müssten Zahlen produzieren und Gewinne machen: "Was zählt, ist allerdings die echte Wertschöpfung. Es geht bei diesen Unternehmen nicht um Gewinnausweise, sondern um den gerechten Unternehmerlohn."

Das Argument des frühen Sterbens der Neugründungen wird jedenfalls von verschiedenen Untersuchungen (Uni Klagenfurt, WU-Wien, Kreditschutzverband aus 1870) widerlegt: Nach fünf Jahren bestehen noch rund 70 Prozent auf dem Markt. Für Bauer-Jelinek sind das dennoch zu viele "Opfer". Das liege an unpassenden Rahmenbedingungen, ungünstigen Steuergesetzen, noch nicht adaptierten Zulieferunternehmen - kurz: "An der noch fehlenden Lobby." (kbau, hs, Der Standard, Printausgabe 19./20.3.2005)

Der KARRIEREN-STANDARD startet hiermit eine lose Serie über, für und von neuen Unternehmerinnen und Unternehmern.
  • Artikelbild
    foto: montage derstandard.at
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