Willie zwischen den Welten

25. März 2005, 12:10
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V. S. Naipauls neuer Roman über universelle Identitätskrisen

Willie Chandran begibt sich als erwachsener Mann auf die Suche nach sich selbst. Das ist schon für Menschen mit einem bodenständigen Lebenslauf nicht einfach, aber Willie befindet sich permanent zwischen den Welten. In Indien geboren, hat er lange Jahre in privilegierter Situation in Afrika verbracht, um schließlich in Berlin bei seiner Schwester zu landen.

V. S. Naipauls Roman Magische Saat spinnt die Geschichte seines Helden aus Ein halbes Leben weiter, ohne zu einem Abschluss zu kommen, den man als irgendwie klar oder befriedigend bezeichnen könnte. Die Unbehaustheit des Menschen als universelles Schicksal wird ein weiteres Mal ohne angestrengtes Pathos zelebriert; Naipaul macht zudem noch einmal deutlich, dass die herkömmlichen Bewältigungsstrategien nichts taugen.

Willies Aufenthaltserlaubnis in Deutschland wird nicht verlängert werden, es stellt sich also die Frage, wie und wo er sein Leben künftig verbringen wird. Die Schwester, die mit einem Dokumentarfilmer liiert ist und der die Leiden der Unterdrückten ein berufsbegleitendes, hochmoralisches Hauptthema sind, drängt Willie dazu, sich einer Gruppe von indischen "Guerillas" anzuschließen. Willie hat schon auf dem Flughafen Frankfurt inmitten einer Gruppe von Landsleuten ein überwältigendes Fremdheitsgefühl, das sich nach der umständlichen Kontaktaufnahme mit den Revolutionären noch steigert.

Im Urwaldlager angekommen, weiß Willie bereits in den ersten Stunden, dass er hier fehl am Platz ist. Mangels Alternativen macht er weiter und diese "Revolution" entpuppt sich immer mehr als aberwitzige Farce. Die Revolutionäre wissen nicht, wofür oder wogegen sie kämpfen. Viele von ihnen haben ihr Leben lang nichts anderes gemacht, als in Uniformen herumzulaufen und die Dörfler des Dschungels wechselweise anzubetteln oder zu terrorisieren. Die Dörfler wollen nämlich nicht umerzogen werden. Sicher ist es schön, wenn der Grundherr verjagt wird, bloß wenn dann keiner seinen Boden bearbeitet, hat niemand etwas davon. Unterdrückung, Kolonialismus, Kastensystem - damit lässt sich trefflich ein Leben ohne Arbeit rechtfertigen. All diese jämmerlichen Gestalten haben nie einen Beruf erlernt, was bleibt ihnen also anderes übrig, als bei ihrem "Job" zu bleiben. Naipauls böse Analyse spricht niemanden frei, räumt aber mit dem Guerillamythos gründlich auf.

Für Willie, der sich aus diesem zunehmend gewalttätiger werdenden Irrsinn abseilt, ist die Zeit im Gefängnis fast eine Erholung. Endlich gibt es feste Strukturen in seinem Dahinvegetieren. Die Schwester holt ihn heraus, Willie reist nach England und findet Unterschlupf bei einem Anwalt. Nun entwickelt Naipaul parallel zu Willies interkontinentaler Identitätskrise Rogers britische Misere. Roger sucht ebenso heftig wie Willie einen sicheren Stand in der Welt und findet ihn nicht. Rogers absurde Liebschaft mit einer derben Proletarierin, seine Unterwürfigkeit gegenüber betuchten Geschäftemachern mit ihren einschüchternden Butlern, schließlich das lächerliche Theater einer "gemischten" Hochzeit bei Neureichen, all das zeigt, dass es überall Kastensysteme gibt - und Leute, die verzweifelt dazugehören wollen.

Naipaul spielt die ganze Tonleiter von zynisch und bitter bis satirisch, da bietet nicht einmal mehr der Rekurs auf Ghandis Biografie ein Sinn stiftendes Vorbild. Naipaul behauptet, dass Magische Saat sein letzter Roman sein wird. Wenn das so ist, dann gelingt dem Nobelpreisträger von 2001 ein bemerkenswert entspannter Blick auf die Unzulänglichkeiten des Daseins: "Man darf keine Idealvorstellung von der Welt haben. Das ist die Wurzel allen Übels", denkt Willie am Schluss und weiß, dass er diese schlichte Erkenntnis am besten für sich behält. (Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005) 

Von Ingeborg Sperl
  • V. S. Naipaul Magische Saat Deutsch: Sabine Roth. 
€ 22,-/320 Seiten. Claassen, Berlin 2005.
    foto: buchcover

    V. S. Naipaul
    Magische Saat
    Deutsch: Sabine Roth.
    € 22,-/320 Seiten. Claassen, Berlin 2005.

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