Howard Hawks: "Rio Bravo"

18. März 2005, 21:15
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Dieser Western ist komponiert als beziehungsreiches Quintett in mehreren Sätzen, für vier Männer und eine Frau, irgendwo an der texanischen Grenze zu Mexiko

In Rio Bravo wächst eine Familie ganz besonderer Art zusammen, inspiriert von kammermusikalischem Geist. Dieser Western ist komponiert als beziehungsreiches Quintett in mehreren Sätzen, für vier Männer und eine Frau. Schon beim Vorspann schlägt Komponist Dimitri Tiomkin, der ansonsten durchaus den großen symphonischen Sound liebte, einen Ton der Unaufdringlichkeit und Intimität an. Nur der passt zu dem gottverlassenen, staubtrockenen Kaff irgendwo an der texanischen Grenze zu Mexiko, in dem John Wayne als Sheriff John T. Chance das Sagen hat. Was sonst den Stoff für tödliche Dramen liefert, entwickelt sich hier als Farce und Tragikomödie.

Howard Hawks (1896 - 1977) drehte Rio Bravo 1959 gegen Fred Zinnemanns Edelwestern High Noon, in dem Gary Cooper als Sheriff verzweifelt seine Mitbürger um Hilfe im Kampf gegen einen Revolverhelden anbettelt. Kein Wunder, dass in Rio Bravo pathosfreie Lakonie herrscht wie in keinem andern Western.

Der mächtige Rancher Burdette will seinen Bruder Joe, einen Taugenichts und Mörder, aus dem Kittchen von Sheriff Chance holen, bevor der Districtmarshall kommt und den Gefangenen mitnimmt. Chance muss die Tage bis zu dessen Ankunft überstehen, das ist alles. John Wayne kann sich nur auf den Säufer Dude alias Dean Martin und den alten Hinkefuß Stumpy alias Walter Brennan verlassen.

Aber wenn der vom Katzenjammer des Alkoholikers geplagte Dean Martin immer wieder vergeblich versucht, sich eine Zigarette zu drehen oder Walter Brennan als grimmiger Wärter durchs Gefängnis humpelt, fühlt sich jeder sicher.

Später gesellt sich Ricky Nelson als junger Gunfighter Colorado dazu, der sich anfangs aus dem Zwist heraushält. Angie Dickinson schließlich setzt John Wayne so wundervoll mit Sarkasmus, Tränen, Küssen und langen Beinen zu, dass der aus verwirrtem Brummen und Ächzen kaum herauskommt.

Hawks zeigt mit bewunderungswürdiger Gelassenheit, wie sein Quintett unter lebensgefährlichem Druck zueinander findet, wie sich Angst in Mut verwandelt, wie sich Freundschaft und Vertrauen zu unwiderstehlicher "Action" steigern - dabei verlassen wir nie den staubigen Boden der Realität. John Wayne und seine Kumpane haben keine Chance, aber die nutzen sie. Und man spürt eine gewaltige Sehnsucht, bei dieser "Familie" mittun zu dürfen - irgendeinen Job wird Sheriff Chance doch für uns haben, und sei's auch nur der des Zuschauens. (Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005)

Von
Harald Eggebrecht
  • Die pure Lakonie: John Wayne in Howard Hawks' meisterlichem Western "Rio Bravo".
    foto: sz-cinemathek

    Die pure Lakonie: John Wayne in Howard Hawks' meisterlichem Western "Rio Bravo".

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