Ein Musikphilosoph der denkenden Jugend

25. März 2005, 12:41
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"I'm a loser, baby, so why don't you kill me?!", Popmusiker Beck Hansen alias Beck brachte in den 90er-Jahren das Lebensgefühl der "Slacker" songtextlich auf den Punkt

Popmusiker Beck Hansen alias Beck (34) brachte in den 90er-Jahren im Gefolge von "Nirvana" das Lebensgefühl der "Slacker" songtextlich auf den Punkt: "I'm a loser, baby, so why don't you kill me?!" Auf seinem neuen, Montag erscheinenden Album "Guero" proklamiert er dieselben Werte.


Wien - Es bratzt in altem, aus der Zeit von Muddy Waters herübergerettetem Bratenfett kalorienreich aus den Boxen. Die E-Gitarre hat den Blues. Und auch der Bass rumpelt in Richtung Mississippi. Dann kickt sie Hinterteile: die Proklamation von "Schmutz" und Blues als verkaufsförderndes Argument für die nachwachsende Jugend zwischen Madison/Wisconsin und dem Marchfeld!

Dann kommt ein Frauenchor. Der greift dem Sänger bei seinem Bestreben, der Welt zu verkünden, dass er wieder da sei, hilfreich unter das Reimsprech-Stimmchen: "Na na, na na na na, na na!" Unser Held meint: "Talking trash to the garbage around you." Und: "Charm the wolves with the eyes of a gambler!"

Beck Hansen alias Beck, der gute Hirte des zitatfreudigen Second-Hand-Slacker-Pop der Generation X, ist wieder da. Und E-Pro, die hier verhandelte erste aus dem kommenden Montag erscheinenden Album Guero ausgekoppelte Single des Kaliforniers, der einst mit dem minimalistischen Hit Loser ("I'm a loser, baby, so why don't you kill me?!") für frischen Wind im Pop sorgte, hat sich zehn Jahre nach seinem Eintritt in die Liga der "Big Players" jetzt wieder auf seine Ursprünge besonnen. Ein Unterfangen, das ihn vergangenen Donnerstag in die Harald Schmidt Show brachte.

Nach diversen Stil- und Maskenwechseln dieses geradezu prototypisch im Sample-und Collageverfahren arbeitenden Eklektikers, die von gravitätischem Friedhofs-Folk über postmoderne H-&-M-Disco bis zu abstraktem Barock-Pop im Stile von Prince reichten, ist jetzt wieder merkbar die Rückkehr zu den rauen Ursprüngen angesagt.

Zuletzt las man im Zusammenhang mit Beck vor allem, weil er der in Hollywood nach wie vor angesagten Designer-Religion der Scientology beigetreten war. Immerhin aber merkt man das der Musik nicht an. Die hat es auch so schwer. Was 1994 mit den Alben Mellow Gold oder 1996 mit Odelay sozusagen als heißester Scheiß des Universums gehandelt wurde, bedient mittlerweile den beliebig gewordenen Common Sense.

Beck klingt nach schrecklich schicken Kollaborationen mit brüllend angesagten Leuten auf Guero in schlechten Momenten wie eine pfiffige, aber pfifflose Kopie seiner selbst. Etwa wenn er in Missing arabisch angehauchte Streicher mit brasilianischer Samba kombiniert und dazu Synthesizer-Effekte fiepsen lässt. Von der Wiederbelebung alter, zu Tode gespielter Riffs von Bo Diddley in Black Tambourine kann man ebenfalls halten, was man will - also eher wenig.

Allerdings ist hier unter der Produktionsregie der bewährten Dust Brothers und mit Samples von den Beastie Boys über die Temptations bis zu den Ohio Players und aktuellen Gastbeiträgen von Jack White oder Money Mark teilweise trotz aller Anbiederung doch auch Relevantes entstanden. Immer dann, wenn Beck heute eben nicht versucht, der Hecht im Karpfenteich zu sein, wie etwa in der Country-Bluesballade Farewell Ride, kann man den Mann ganz bei sich erleben. Man hört in diesen leider seltenen Momenten einen Künstler abseits aller Moden, der vielleicht ein erstes Mal nach all den Rollenspielen einfach Musik macht. Für sich. Mit uns. (Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005)

Von
Christian Schachinger
  • Slacker-König und Weltmeister des Zitat-Pop: Der 34-jährige Beck Hansen alias Beck aus Los Angeles veröffentlicht kommenden Montag sein neues Album "Guero".
    foto: geffen/universal

    Slacker-König und Weltmeister des Zitat-Pop: Der 34-jährige Beck Hansen alias Beck aus Los Angeles veröffentlicht kommenden Montag sein neues Album "Guero".

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