Bequemer Privatmarathon

1. April 2005, 15:38
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Im Schatten von Ski amadé lässt sich gut und Langlaufen

Hoch oben schaukeln die Wintersportler von einem Gipfel zum nächsten, hangeln sich immer der Sonne nach zu Abfahrten aller Atemlosigkeitsgrade. Das ist die Salzburger Sportwelt, auch Ski amadé genannt.

Unten geht's ruhiger zu. Vielleicht sollte man das Tal Ski salieri taufen: Auch der italienische Tonmeister stand ja im Schatten des Salzburger Wunderknaben, dessen Nimbus bis zur Taufe einer Hightech-Ferienwelt reicht.

So viel Schatten ist es aber gar nicht. Das Ennstal macht sich in der Gegend um Radstadt besonders breit, die meisten Seitentäler erreicht die Sonne je nach Tageszeit sogar im Januar. Ein großes Netz an Loipen, je nach Website 250 bis 714 Kilometer insgesamt, verbindet die Niederungen der Radstädter Tauern und eröffnet ständig neue Möglichkeiten, sich zu verausgaben; ohne Höhenrausch, dafür geruhsamer, nach Angaben aller Sportärzte gesünder und, von wirklich kreativen Umfallern abgesehen, auch ungefährlicher.


Keine Natur pur

Die Hauptschlagader der Gegend sozusagen ist die Tauernloipe, 50, nach manchen Angaben sogar 90 Kilometer lang, jedenfalls geht sich ein Privatmarathon locker aus. Sie verbindet Eben, Wagrein, Flachau und Radstadt und geht von dort nach Südosten weiter Richtung Untertauern.

Die meiste Zeit teilen sich "klassische" Diagonal-Langläufer die Strecke mit Skatern, die an ihnen vorbeizischen. Oder sie messen sich in den Loipen mit der "Nordic Cruiser"-Variante, die allerdings nichts anderes ist als der Versuch, auch ins klassische Langlaufen so etwas wie Mode hereinzubringen: kürzere, breitere Ski, flache, stumpfe Spitzen, fertig ist der Trend.

Man kann nicht behaupten, dass die Tauernloipe "Natur pur" oder sonst ein billiger Werbereim ist. Sie führt nahe an der Tauernautobahn vorbei, quert Landstraßen, verläuft streckenweise parallel zur Bahn. Die Cross-Country-Freaks können sich also mit Verkehrsmitteln aller Art messen und das als gelungenen Fingerzeig betrachten, dass sie im Mitteleuropa des 21. und nicht in norwegischen Wäldern des 19. Jahrhunderts unterwegs sind.

Eine Illusion im Übrigen, die sich noch am ehesten in den Seitentälern einstellt, etwa auf dem Weg zum Walcherhof hinter Radstadt und weiter, hügelauf und -ab, parallel zu einem Bach, vorbei an verschneiten Schobern in einer trotz Hochsaison erstaunlich menschenleeren Landschaft. Die makellosen Loipen hätten einem die Norweger seinerzeit allerdings nicht jede Nacht neu gespurt.

Die schon erwähnte Sonne in allen Seitentälern macht den Spuren zwar in Kürze den Garaus, doch man sollte jetzt schon an den nächsten Winter denken: Die Gegend um Radstadt ist sehr gefragt; frühes Buchen lohnt. (mf, Der Standard, Printausgabe 19./20.3.2005)

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    © ski amadé
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