Den Sangriakübel im Luxus versenken

12. Mai 2005, 10:40
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Natürlich gibt es den Ballermann immer noch. Aber neben der Antithese zu zivilisiertem Reisen etablieren sich auch, sogar und gerade auf Mallorca hochqualitative Luxushotels

Natürlich gibt es den Ballermann immer noch. Aber neben der Antithese zu zivilisiertem Reisen etablieren sich auch, sogar und gerade auf Mallorca hochqualitative Luxushotels: Das "Mardavall" gilt als eines der besten Spaniens, und der Gast stößt nur beim Ruf nach dem Sangriakübel an Grenzen.


Natürlich war das eine Frechheit. Und es wäre gemein, Gerald Berktold einen Strick daraus drehen zu wollen, dass es ihm - zunächst - den Atem verschlug: Einem Haubenkoch in einem Hotel, das nur deshalb fünf Sterne hat, weil das klassische Sternchenverteilschema eben bei fünf aufhört, auf die Frage, ob wirklich auch der kleinste Wunsch perfekt erfüllt sei, mit "Wir hätten aber doch gerne einen Kübel Sangria auf dem Tisch auf der Terrasse" zu kommen, ist - gelinde gesagt - infam.

Erst recht, wenn Berktold, der 34-jährige Tiroler, der neun Kilometer vor Palma im Luxushotel "Mardavall" sowohl im hoteleigenen Gourmetrestaurant als auch im "regulären" Küchenbereich das Kochregiment führt, doch genau in die andere Richtung wollte: Ob es - abseits von Designermöbeln, B&O-Flachbild-High-End-Fernsehgeräten, Butlerservice, W-LAN im ganzen Hotel, echter (und geschmackvoller) Kunst auf den Zimmern oder Nobelsportwägen in der Garage - eventuell doch noch irgendetwas gäbe, was noch feiner, besser und elitärer gestaltet werden könnte. Das wollte Berktold nämlich eigentlich wissen.

"Schuppen"

Damit, mit dem vom Kollegen S. in Wien vor dem Abflug übernommenen Auftrag, den "Schuppen" auf seine "Mallorca-Authentizität" hin zu überprüfen, konfrontiert zu werden, konnte Berktold wirklich nicht rechnen.
Auch deshalb nicht, weil Mallorcas Edelhoteliers und -touristiker doch versuchen, das Sangriakübel-Image loszuwerden: Nahe der Gleichung "Mallorca=Ballermann" wollen Menschen wie Berktold nicht einmal erwähnt werden. Aus verständlichen Gründen. Aber solange der Gast nicht in den sicheren, eleganten und gediegenen etwa 1000-Euro-pro-Nacht-Rahmen (es geht auch teurer) des drei Jahre alten Hotels eingebettet ist, ist das schwer. Das weiß Berktold.

Denn bis dahin ist Mallorca, wie man es sich vorstellt. Also grässlich. Auch Anfang März: Der Billig-Konservendosenflieger ist bummvoll - und abgesehen von drei fröhlichen Mountainbikern, die eine Woche durch jene Landschaft strampeln wollen, von der die übrigen Fluggäste gar nichts wissen wollen, voll mit "authentischem" Publikum: Mittzwanziger prahlen damit, wie viele "deutsche Schnepfen" sie "klarmachen" wollen. Nach der Landung: Applaus.

Am Flughafen in Palma grölen besoffene Briten, alkoholisierte Niederländer und angetrunkene Deutsche. Man trägt Idioten-T-Shirts und Sombrero. Kollege S., daheim in Wien, lacht per SMS über die Klischee-Testimonial-MMS: "Ätsch", antwortet er.

Aber damit hat S. ausgelacht - und als er (am nächsten Tag in der Früh) ein Bildchen von der über das Meer ins Zimmer blitzenden Morgensonne bekommt (aus dem Bett gemacht, der Vorhang wurde per in den Bettpfosten eingelassenen Druckknopf geöffnet), ist da nur noch eines: Neid. In Wien schneit es.

Und in Wien kann sich S. da halt nicht aus der Juniorsuite ins Designerbadezimmer (ein zweiter Flachbildfernseher, Badewanne mit Blick aufs Meer) und dann auf den Balkon (sonnig, wind- und einblicksicher, Meerblick und Designer-Liegemöbel) zurückziehen, um aufzuwachen. (Dass der "Mars"-Riegel mit 4,25 Euro auf der Minibar-Rechnung aufscheinen wird, muss er ja nicht erfahren.)

Und nach dem Frühstück (Vollmilch? Magermilch? Sojamilch? Reismilch? Ziegen- oder Schafmilch?) kann er sich nicht in einem Marmor-Wellnessbereich zwischen zwei Dampfbädern und drei Saunasorten entscheiden, bevor er mit einem hier mit seinen beiden "Sekretärinnen" weilenden Herrn aus Osteuropa ("Das ist eines der drei besten Hotels in ganz Spanien") beim Chillen auf Wasserbetten im Zen-Gärtlein beplaudert, welchen der beiden hoteleigenen 18-Loch-Golfplätze man bei diesem Licht besser bespielt. (S. spielt natürlich nicht Golf.)

Die Außenwelt

Freilich würde S. zum Lauftraining doch mitkommen - und könnte jubeln: Hinter dem hohen Zaun mit Kameras und Restlichtverstärkern liegt die Küste. Aber alle paar Hundert Meter ist der Weg von einer Mauer oder Zäunen unterbrochen. Wer weiter will, muss um Hotelblocks, Beiseln, Tattooshops oder Souvenirläden joggen. Und die haben wenig mit dem schicken und teuren Mardavall gemein.

Hotelplattenbauten mit fleckigen Außenwänden und zur Straße gerichteten Minibalkonen, auf die gerade zwei global-genormte weiße Monoblock-Spritzgussplastiksessel passen (mit Ausblick auf den Parkplatz) gibt es da. Oder zu blasse zu junge britische Mädchen mit unreiner Haut und zu kurzen Miniröcken, die schon am Vormittag an den Bars Gratisdrinks schlürfen und Kunden anlocken sollen. Oder aber Kneipen, vor denen Tafeln stehen, auf denen die Fußball- und Rugbyspiele des TV-Abends schon jetzt angekündigt werden. Plus Hinweis: "Cheap Booze! Loud Music! Nice Gals!" Aber der Blick hinaus, aufs Meer, ist echt toll.

Auch der Geschäftsmann aus der Sauna genießt ihn. Allerdings von der Marina des ein paar Minuten Richtung Palma gelegenen Yachthafens aus: In der Hotelgarage stehen etliche Porsche Cayennes bereit (Mallorca ist schließlich gebirgig, und die Fincas der Freunde liegen wohl in den Hügeln).

Die Preise hier entsprechen denen der Hotelminibar. Aber das (natürlich nie ausgesprochene) Vorurteil, dass hier wohl nur Seinesgleichen verkehren, weist er von sich - und prompt rückt ein durchschnittlich wirkendes Pensionistenpaar mit drei Enkelkinder an und verlangt die Speisekarte. Man spricht Wiener Dialekt. Und saß in der Früh im Mardavall: "Ja, auch in Österreich haben viele Leute genug Geld", lacht der Russe.

Später - zurück im Hotel - will und kann der Tiroler Haubenkoch Berktold dem gar nicht widersprechen: Auch jetzt, in der Nebensaison, sei das Hotel gut gebucht - und tatsächlich für alle Wünsche bestens gerüstet. Sogar dann, wenn "das mit dem Kübel" ernst gemeint gewesen sein sollte: "Zur Not suchen wir bei den Gärtnern - oder wir organisieren einen Wagen mit Fahrer. Der fährt überallhin - wenn es sein muss auch auf den Ballermann."
(Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005)

Von
Thomas Rottenberg
  • Die Hotel-Lobby
    foto: mardavall-hotel.com

    Die Hotel-Lobby

  • Junior Suite Terrasse
    foto: mardavall-hotel.com

    Junior Suite Terrasse

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