Ein Grenzfall des Magyarischen

18. März 2005, 19:26
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Die westungarische Stadt Sopron/ Ödenburg möchte 2010 die europäische Kulturhauptstadt sein

Ihr diesbezügliches Konzept ist altbacken modern: ein Oszillieren zwischen den Nationalitäten nach dem Vorbild von Liszt Ferenc.


Sopron/Ödenburg - Der Thurner Michel aus Marcfalva steht da wie seit Jahr und Tag, und mit großer tántorithatatlanság gegenüber den Zeitläuften blickt er hinaus auf den fötér. Jetzt, da sich der Frühling wieder ins Pannonische traut, fangen die Schanis an, ihre Gärten hinauszutragen, Sopron rüstet sich zu werden, was Ödenburgs Bestimmung ist: eine schöne Stadt zu sein, die das ganze 20. Jahrhundert über so verzopft gewesen ist, dass sie nun so etwas wie ein Musterbeispiel fürs neue Europa, wenn schon nicht sein kann, so doch sein möchte.

Unten beim Hauptplatz, dort, wo er sich in die Neugasse und die Szent-György-utca gabelt, sitzt Tamas István und arbeitet daran, Ödenburgs Bestimmung in ganz Europa bekannt zu machen. 2010, so jedenfalls der Plan, soll Sopron, Ödenburg also, eine der beiden "Kulturhauptstädte" Europas sein. Dass es, neben einer deutschen, eine ungarische Stadt sein wird, ist fix, aber Sopron rittert intern mit starken Konkurrenten, von Debrecen bis Pécs. Dass Budapest auch mitrittert, stört István Tamas noch am wenigsten, "Budapest spielt in einer anderen Liga".

Tamas, im Brotberuf Manager für die westtransdanubische Tourismusregion, hat das Konzept entworfen, mit dem Sopron ins europäische Rampenlicht rücken will. Die Entscheidung, die im Herbst getroffen werden wird, ist eine, die das ganze Ungarland ins Europäische hineinpositionieren wird. Tamas hofft natürlich auf eine eher westliche Orientierung, weiß aber, dass eine nach Osten oder Süden gewichtete Hauptstadt auch ihren europäischen Reiz hat.

Dr. Soproni

Deshalb hat er in sein Konzept das altbackene Ödenburger Selbstbild hineingeschrieben. Jenes Lebensmotto also, das auch der alte Thurner Michel aus dem burgenländischen Marz bis in die stalinistische Verfolgung hinein hochgehalten hat. István Tamas sagt: "Unsere Hauptchance ist das Grenzüberschreitende." Genau das aber hat Thurner Mihály - den sie, vielleicht schelmisch, auch Dr. Soproni nennen - auch gesagt. Mit sechs Jahren erst fing der Hianze an, ungarisch zu reden. Nach dem Ersten Weltkrieg war er Ödenburgs polgármester, und 1921 plädierte er mit großer Vehemenz für den Verbleib Soprons bei Ungarn, womit er der Stadt den Ehrennamen "civitas fidelissima" erarbeitete, freilich um den Preis, in der burgenländischen Nachred' eine persona non grata zu werden.

Thurners Oszillieren zwischen dem Magyarischen und dem Deutschen ist dem Tamas István ein Programm geworden, das nicht nur für Ödenburg selbst steht. Sehr logischerweise hat er deshalb zwei Schwerpunkte gesetzt, mit denen die Stadt ins entsprechende Licht gesetzt werden soll. Einerseits die Soproner Region selbst, die 2001 von der Unesco zum Welterbe erhoben wurde mit dem ausdrücklichen Verweis auf die multikulturelle Grenzüberwindungsgeschichte. Und Liszt Ferenc, den sie im Burgenland Franz Liszt nennen, weil er ein Burgenländer, wenn schon nicht war, so doch sein muss.

In dem wunderbaren Buch von Lendvai Pál (Die Ungarn. Ein Jahrtausend Sieger in Niederlagen) wird die Frage, was dieser Liszt gewesen ist, übrigens schlüssig - und richtungsweisend - beantwortet. "Magyar ember vagyok", erklärte der Musikant selbst, wo immer er auch hinkam. Allerdings scheiterte er früh am magyarul, am Ungarischen. In der fünften Unterrichtsstunde warf er das Handtuch. Beim Wort tántorithatatlanság. Gleichwohl ist er - in Unerschütterlichkeit gegenüber den Zeitläuften - Ungar geblieben. Und wer das versteht, versteht Europa. (Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005)

Von
Wolfgang Weisgram
  • Michael 
"Dr. Soproni" Thurner blickt unerschütterlich auf den Ödenburger Hauptplatz. Der Burgenländer war Soprons berühmtester Bürgermeister. Ihm als Einzigen haben die Ödenburger auch ein Denkmal gesetzt.
    foto: tv / ny.-dunatul

    Michael "Dr. Soproni" Thurner blickt unerschütterlich auf den Ödenburger Hauptplatz. Der Burgenländer war Soprons berühmtester Bürgermeister. Ihm als Einzigen haben die Ödenburger auch ein Denkmal gesetzt.

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