Aufstand der Schmisspeppis

11. Mai 2005, 22:27
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Also wer ist jetzt schuld daran, dass der Sinkflug der Freiheitlichen in einen Sturzflug übergegangen ist ...

Also wer ist jetzt schuld daran, dass der jahrelang verkannte Sinkflug der Freiheitlichen in einen Sturzflug übergegangen ist, den nicht einmal ein Parteiausschluss abwenden und eine treue Schwester als Abglanz einstiger Höhenflüge verklären kann? Ist es Wolfgang Schüssel, der Jörg Haider verraten hat? Ist es die Republik, die die Blauen einfach nicht mehr braucht? Ist es Haider, der Schüssel zum Kanzler machte, obwohl Hans Dichand hinter den Kulissen verlauten ließ, die FPÖ möge doch noch in der Opposition bleiben, um bei später folgenden Wahlen wirklich zur stärksten Partei Österreichs werden und damit wirklich politische Erneuerung umsetzen zu können, wie Andreas Mölzer neulich in seinem parteischädigendem Blättchen "Zur Zeit" enthüllte?

Oder sind es doch die rechten Kritikaster, die der FPÖ die Rückbesinnung auf alte Tugenden verordnen wollen und sich damit trotzig erhobenen Hauptes unter das Damoklesschwert einer Neugründung durch Liquidierung vertschüssten? Im Folgenden eine kleine Materialsammlung zum Zwecke eines allfälligen Nachrufs.

Es begann alles völlig harmlos, als Mölzer Anfang März einige Fragen stellte, die sich das breite Publikum teils schon immer, teils seit Langem, teils rein rhetorisch gestellt hat: Braucht die Republik Österreich eine Partei wie die FPÖ? Warum kam es zur blauen Dauermisere? Sind die Freiheitlichen überhaupt noch regierungsfähig? Lange vor Mölzers Neugier-Attacke hat Jörg Haider alle diese Fragen in "NEWS" wiederholt und ausführlich beantwortet, nur konnte er damals noch nicht wissen, dass nicht die ÖVP, sondern der Artikel Mölzers über die blaue Dauermisere zwangsläufiger Anlass für eine Neugründung der FPÖ - oder auch nicht - sein würde.

Aber bei der Parteiklausur nach den nö. Gemeinderatswahlen fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Da hatte er Mölzers Fragenkatalog in großem Stil (so Mölzer-Sproß Wendelin voll Stolz auf seinen Erzeuger eine Woche später) gelesen - einen eher mühsam zusammengeschusterten Ausblick über die fünfzigjährige Geschichte der Freiheitlichen und deren sich abzeichnendes Ende. Derselbe wäre parteischädigend und nicht akzeptierbar, so der Tenor Haiders und seiner Getreuen, heißt es in dem Sitzungsbericht unter dem Titel Chronologie einer blauen Groteske. Haider hat sich dabei gewiss nicht an Mölzer-Sentenzen wie dieser gestoßen: Jenseits der jeweils geltenden Parteiprogramme war im Grund das gesprochene Wort des Vorsitzenden das eigentliche Programm.

Diese plumpe Schmeichelei konnte ihn dennoch nicht von dem Tiefschlag ablenken, den Mölzer an anderer Stelle landete. Einerseits hat er, Haider, es mit einer gewissen politischen Fortüne geschafft, sich in seinem politischen Stammland Kärnten eine bislang unangefochtene, dominante Stellung als Landeshauptmann aufzubauen. Wobei die Kärntner Freiheitlichen insgesamt als weltanschaulich multipolare Heimatpartei, mit nationalem und rechtsliberalem Unterfutter, durch beachtlichen ideologisch völlig beliebigen Aktionismus eine Stärke erlangt haben, die auch ohne die Persönlichkeit Jörg Haiders und auch bei einem völlig bundespolitischen Absturz der Freiheitlichen insgesamt ein Faktor bleiben müssten.

Dass er seine dominante Stellung als Landeshauptmann nicht mit Leistung, sondern mit einer gewissen politischen Fortüne geschafft hat - die Fortuna heißt Ambrozy -, hätte der Flottist locker verkraftet. Aber dass der multipolare Heimathaufen auch ohne die Persönlichkeit Jörg Haiders ein Faktor bleiben müsste, dass er mit seinem ideologisch völlig beliebigen Aktionismus eigentlich überflüssig ist - das war zu viel. Und zu wenig: Die weltanschaulich Multipolaren schlossen Mölzer aus.

Und mehr: Gleich im Anschluss an den Vorwurf parteischädigenden Verhaltens heißt es in Wendelin Mölzers Klausurprotokoll dazu: Des weiteren wurden Drohungen laut, die Kärntner FPÖ-Landesgruppe würde offene Inseratenrechnungen bei "Zur Zeit" nicht mehr bezahlen. Damit bestätigten Haider und seine Getreuen aber nur den Vorwurf Mölzers, sie befänden sich in einer dramatischen Glaubwürdigkeitskrise, vermerkt doch ein Klammerausdruck zu den Inseratenrechnungen: (Diese wurden - offensichtlich irrtümlich - allerdings nach zweijährigem Einmahnen erst unlängst beglichen.) Irgendwie erinnert das an die wiederholten Drohungen Haiders, die Koalition platzen zu lassen. Wenn Schüssel nicht bald mit dem Einmahnen anfängt, finden die nächsten Neuwahlen bestenfalls irrtümlich statt.

Auf die Blöße, die man sich bei den Inseraten gab, reagierte Haider wie gewohnt. Er stellte des weiteren klar, dass sich in der Partei grundlegend etwas ändern müsste. Dann musste er gehen. Während seiner Abwesenheit waren es die Gebrüder Scheuch, die gegen Mölzer und die "Nationalen" wetterten, auf einem Niveau, das nicht gerade feine Schule genannt werden kann. "Schmisspeppis" seien Stadler, Strache und Co. Dabei heißt Strache doch Heinz-Christian: Die Glaubwürdigkeitskrise ist dramatisch.

Von Günter Traxler
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