Pro & Kontra: Getrennter Unterricht

25. Oktober 2006, 14:03
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Überwinden von Geschlechterklischees oder Koeedukation als Aufbruch in eine freiere Schule?

PRO

Schluss mit "typisch Frau"

von Lisa Nimmervoll

Ein Jahrgang in einem Gymnasium mit vier Maturaklassen: drei gemischte, eine Mädchenklasse (die Französisch und Latein in geschlechtergemischten Gruppen lernte, also auch koedukativ unterrichtet wurde). In einer der Klassen wählten auffällig viele Mädchen ohne Scheu und freiwillig Physik oder Chemie - also "typische Männerfächer" - als Prüfungsgebiet. Aus welcher Klasse kamen die technikaffinen Mädchen? Aus der Mädchenklasse. Zufall? Sicher nicht. Und dass die "Männerfächer" von Frauen unterrichtet wurden, hat wohl auch zum selbstverständlichen Cross- Gender-Lernen beigetragen. Das Beispiel zeigt, was viele Studien belegen: Die Lernumgebung spielt eine wichtige Rolle, wie Buben und Mädchen mit Geschlechterklischees - und sei es noch so unbewusst - konfrontiert und noch immer stark in traditionelle Bahnen gelenkt werden. Oder aber, wenn sie andere Vorbilder vorgelebt bekommen, sich auf neue Pfade wagen. Eine zeitweilige Trennung in bestimmten Fächern ist daher sicher sinnvoll, um die Geschlechterproblematik in den Schulen bewusst zu machen und Lehrer wie Schüler zu sensibilisieren. Schule ist weit mehr als der Ort, an dem Kenntnisse in Deutsch, Mathematik, Physik und Chemie erworben werden sollen. Schule ist auch ein Ort, an dem Mädchen und Buben für das Leben als Frauen und Männer lernen. Sie ist also ein Ort, an dem Geschlechterpolitik stattfindet und Geschlechterhierarchien nachgespielt - oder aufgebrochen - werden. Das Prinzip der Koedukation macht erst dann wirklich Sinn, wenn Geschlechterrollen bewusst reflektiert werden. Solange dieser geschlechtersensible Umgang noch nicht automatisch passiert, sind bewusst monoedukative Phasen wichtig und sinnvoll.

CONTRA

Alte Formeln

von Johanna Ruzicka

Der Ruf nach (zeitweiser) Geschlechtertrennung in den Schulen atmet den Geist des Rückständigen. Koedukation - man möge sich erinnern - war in den 60ern und 70ern des vorigen Jahrhunderts der erste Schritt für einen Aufbruch in eine freiere Schule, die junge Menschen auch auf das Leben draußen vorbereiten wollte. Denn das Wichtigste, was die Schule mitgeben kann, ist neben einem bisserl Wissen (besser: der Fähigkeit, sich dieses aneignen zu können) auch das Vermögen, sich in einer sehr beweglichen Welt in einem nicht immer optimalen Umfeld fair durchsetzen zu können. Die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der sich Burschen und Mädchen während der Schulzeit entwickeln, ist da von Vorteil und bereitet en passant auf das Erwachsenenleben vor. Auch die Formel "Mädchen können Sprachen, und Buben sind eher mathematisch begabt" ist grob unrichtig - was jeder beobachten kann, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Ein Bildungsangebot, das man nach solchen Formeln diversifiziert, wird die Chancen auf ein besseres Zeugnis bei der nächsten Pisa-Studie nicht erhöhen. Im Gegenteil: Das Ausmerzen von Schwächen beziehungsweise die Förderung von Begabungen muss in Projektgruppen stattfinden, in denen das Geschlecht eines geförderten Kindes nicht von wesentlicher Bedeutung ist. Die größte Schwäche, die in der Pisa-Studie für Österreichs Schulsystem festgehalten wurde, betraf die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems, die sich in einer starken Korrelation zwischen Status und Einkommen der Eltern und dem schulischen Erfolg des Kindes niederschlug. Was da ein getrennter Unterricht verbessern soll, ist schleierhaft.

(DER STANDARD-Printausgabe, 18.3.2005)

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