Europa wird zur großen Seniorenzone

7. April 2005, 15:18
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Europa altert: Die Zahl der über 60-Jährigen steigt bis 2030 um über 37 Prozent - Und Europa schrumpft: Niedrige Geburtenraten

Im Jahr 1950 war die demografische Verteilung in Europa noch in Ordnung: Über 40 Prozent der Bevölkerung waren jünger als 25 Jahre - und 9,1 Prozent älter als 65. Exakt 100 Jahre danach, im Jahr 2050, wird die Bevölkerung laut Prognosen der EU-Kommission ganz anders aussehen: Nur 23 Prozent der EU-Bürger werden jünger als 25 sein - und über 30 Prozent älter als 65. Besonders deutlich steigt die Gruppe der Menschen, die älter als 80 sind: Rund ein Prozent betrug sie 1950 - im Jahr 2050 wird sie knapp zwölf Prozent betragen.

Ein Grund für diese zunehmende Überalterung ist die steigende Lebenserwartung: Während 60-Jährige 1960 noch statistische 15 Jahre zu leben hatten, sind es heute im Schnitt 20 Jahre und bei Frauen sogar 25 Jahre. Diese Lebenserwartung steigt weiter an. Der zweite Grund für die prognostizierte Seniorenzone Europa sind die sinkenden Geburtenraten: Um der rasanten Alterung der Gesellschaft vorzubeugen, wäre eine statistische Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau notwendig. An diese Rate kommt nur Irland mit 1,9 knapp heran - fast alle anderen EU-Staaten liegen näher bei einem als bei zwei Prozent. EU-weit lag die Geburtenrate 2003 bei 1,48 Prozent.

Aus diesen Werten prognostiziert die EU-Kommission, dass die Bevölkerung der EU-Staaten schrumpft: Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerung noch leicht anwachsen (um 1,1 Prozent) - bis 2050 dann aber schrumpfen (um 4,3 Prozent).

Diese demografische Entwicklung hat dramatische Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt, schreibt die EU-Kommission in ihrem am Donnerstag vorgelegten Grünbuch. Im Jahr 2030 werden zwei Erwerbstätige für einen Pensionisten aufkommen müssen. Laut der Prognose fehlen in der EU dann 20 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter. Gleichzeitig wird die Zahl der Kinder und Jugendlichen um 18 Millionen geringer als heute sein. Die Gruppe der Menschen über 65 Jahre wird bis zum Jahr 2030 um 52,3 Prozent oder 40 Millionen anwachsen.

Diese demografische Veränderung hat gravierende Auswirkungen auf das Gesundheits- und Pensionswesen, heißt es im Grünbuch. EU-Sozialkommissar Vladimír Spidla hat das Grünbuch auch deshalb vorgelegt, um eine Debatte über Zuwanderung, Erwerbsquote und Familienförderung anzustoßen.

Allerdings ist in der Prognose ein Faktor nicht einberechnet: Alle Zahlen beziehen sich auf die derzeit 25 EU-Mitglieder. Die Türkei, mit der ab Oktober 2005 Beitrittsverhandlungen beginnen und die 2015 EU-Mitglied sein könnte, ist nicht einkalkuliert. Und die türkische Bevölkerung wird zwischen 2005 und 2030 um mehr als 19 Millionen (oder 25 Prozent) wachsen. (Eva Linsinger aus Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2005)

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