"Rhythm is it!": Berliner Tanzwege zum Selbst

26. März 2005, 21:57
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Simon Rattle und der Film "Rhythm is it!" - 250 Jugendliche in einem "Education-Project"

Salzburg - Wenn Sir Simon Rattle am Samstag zur Eröffnung "seiner" Osterfestspiele lädt, wo die Britten-Oper Peter Grimes gezeigt wird, darf man das Unterfangen auch als Vorbote größerer Dinge sehen. Immerhin bringt Rattle (2006 bis 2009) den ganzen Wagner-Ring ins österliche Salzburg. Man spürt: Rattle ist zwar als Chef eines der Weltorchester am Traumgipfel - "ich habe das Gefühl, mit den Berliner Philharmonikern meine Stimme gefunden zu haben!"

Allein, das Karajan-Abbado-Erbe, die große Tradition, sitzt ihm im Nacken. Und er muss nicht nur ihr gerecht werden. Schon die Wahl des juvenil strahlenden Dirigent zeigt, dass man in Berlin eine neue Identität sucht. Rattle soll junges Publikum anlocken, auch Ängste vor dem Unzeitgemäßen der eigenen Orchesterexistenz bannen. Zudem agiert er in Berlin, einer eher pleiten Stadt, was auch den "Unantastbaren" dereinst zum Problem werden könnte.

Dass er die Verantwortung in einem Ausmaß wahrnimmt, das über die reine Beschallung edler Konzerthäuser hinausgeht, hat auch das Orchester überrascht. Der Film Rhythm is it! zeigt ja: Hier versucht ein Orchester über die Definition von Musik als essenzieller Faktor der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen auch seine eigene Unverzichtbarkeit einzumahnen, indem es soziale Verantwortung übernimmt.

Das passiert durchaus unaufdringlich, was die Präsenz des Orchesters anbelangt, das vom Chef zu diesem Projekt erst "überredet" werden musste. Zwar darf man bei Proben zusehen. Filmemacher Thomas Grube und Sanchez Lansch haben aber bei diesem "Education-Project", das 2003 in einer Tanzaufführung von Strawinskys Sacre du Printemps in Ostberlin mündete, vor allem individuelle und gruppendynamische Prozesse bei den Proben mit 250 Jugendlichen im Kamerablick.

Im Mittelpunkt stehen Marie, die mit Schulproblemen kämpft, Olayinka, der von Nigeria nach Deutschland kam, und Martin - der Junge mit dem Hang zur sozialen Selbstausgrenzung. Probenausschnitte und Interviews wechslen einender ab; Jugendliche kommentieren sich selbst. Vermittelt wird auch der Blickpunkt des smarten Choreografen Royston Maldoom.

Das Ganze hat natürlich auch etwas vom Musicalfilm Chorus Line, und die vermittelte Philosophie mündet in Weisheiten wie "Wenn du willst, kannst du alles schaffen"; frappant kurz ist am Ende auch die Präsentation des künstlerischen Ergebnisses. Die selbstreflexiven Momente der Jugendlichen erreichen jedoch eine Unmittelbarkeit, der man sich aussetzen sollte. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2005)

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Ab Freitag im Kino
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    foto: pressfoto polyfilm
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