Blut von den Webstühlen

17. März 2005, 20:38
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"Art-Robe: Women Artists at the Nexus of Art and Fashion" ist eine Pariser Ausstellung der Unesco betitelt

Zum Entkleiden der Dame beginnt man am Dekolletee mit dem Öffnen des Reißverschlusses und gleitet den mit einem weißen, ausschließlich aus Zipp bestehenden Abendkleid spiralartig ihrem Körper folgend entlang, bis die Trägerin enthüllt ist und das "Kleid" sich als 90 Meter langer Zipp entpuppt. Das gleiche Prinzip wendet die in Chicago lebende Cat Chow auch für einen kreisförmigen Rock an, der in der Ausstellungshalle des Hauptsitzes der UNESCO in Paris an der Wand prangt.

Spielerische Visionen zu Ver- und Enthüllungen des Körpers, mehr oder minder sinnlich inspiriert, zeigen bis 24. März dreißig Künstlerinnen anlässlich des Internationalen Frauentages in Paris. Die Österreicherin Gudrun Kampl bietet Stücke aus ihrer Gefühlsgarderobe (2000- 2004), in der pergamentenen Tierhaut mit tiefroten Samtbändern zusammengesetzt oder bestickt wurde. Die Samtbänder ergießen sich aus den harnischartigen Gewändern, aus Körperteilen (Ohr, Fußsohle) oder einem an eine aufklaffende Frucht erinnernden Rundkörper auf den Boden wie Blutspuren oder Königsmantelausläufer.

Bitter-ironisch und doch sinnlich bietet die japanische Altmeisterin Yayoi Kusama ein Paar Phallus Shoes. Goldschuhe, aus denen Penisauswüchse herausragen, die humorvoll, erotisch und krebsgeschwürartig-tragisch sind.

Auch Louise Bourgeois, die gebürtige Französin, die in New York lebt und mit ihren subversiven Installationen zur "Grande Dame" des internationalen Kunstbetriebs wurde, nimmt mit zwei Lithografien an der Pariser Gruppenausstellung teil. Totems, in denen sich Paare umschlingen, auf roten Schuhen thronend und mit rotem Rapunzelhaar erotisiert, wirken vereinfacht wie von einer Bourgeois-Nachfolgerin nachempfunden.

Knallrot ist auch ein überdimensioniertes Kleid, das mit seinem enormen, kreisförmigen Rock aufgebreitet auf einem Sockel liegt. Regina Frank hat es mit Perlenreihen bestickt, auf die sie - willkürlich aus dem Computer geklaubte - Wörter druckte. Mehrere Fotos und/oder Videos aus künstlerischen Performances, die wie Modeschauen organisiert und gefilmt wurden, begleiten den Ausstellungsparcours, machen ihn lebendig und abwechslungsreich. Die Koreanerin Kimsooja demonstriert weibliches Gefangensein unter einer Unzahl an farbigen, kunstvollen Textilien, die ihren Körper bedecken.

Die Französin Marie-Ange Guilleminot hat sich eine politisch-historisch Installation ausgedacht, die an die nach der Atomexplosion in Hiroshima verbliebenen Kleidungsstücke erinnert. Ordentlich aufgelegt, aus weißem Stoff genäht, liegen da für den heutigen japanischen Geschmack sicher angepasste Blüschen und Röckchen auf zwei extra aus hellem Holz angefertigten Tischen. Die Verbindung zu Hiroshima wird nur über ein ausgelegtes Buch hergestellt. Die fragile Arbeit überzeugt ohne Zusatzdiskurs.

Die gesamte Ausstellung, von der Kuratorin Kim Airyung mithilfe der in New York lebenden Journalistin Claudia Steinberg zusammengestellt, leidet etwas unter dem kalten Betonrahmen in der Eingangshalle der Unesco: Jede Künstlerin muss isoliert-individuell eine Ecke oder einen Platz an einer langen Wand mit ihren Werken ausfüllen, wobei der rote Faden - von Kampls Samtbändern abgesehen - nicht wirklich sichtbar ist. Trotzdem ist es eine lobenswerte Initiative, bereits zum dritten Mal Künstlerinnen einen Platz in der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization einzuräumen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2005)

Von Olga Grimm-Weissert aus Paris
  • Gudrun Kampls Objektfolge "Gefühlsgarderobe" (2000-2004) zeigt Passstücke einer prekären weiblichen Befindlichkeit: Der dunkelrote Samt fließt aus pergamentenen Wunden.
    foto: kampl

    Gudrun Kampls Objektfolge "Gefühlsgarderobe"
    (2000-2004) zeigt Passstücke einer prekären weiblichen Befindlichkeit: Der dunkelrote Samt fließt aus pergamentenen Wunden.

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