Schluss mit "typisch Frau"

17. März 2005, 19:10
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Aus welcher Klasse technikaffinen Mädchen kommen? - Aus Mädchenklassen, hat Lisa Nimmervoll beobachtet

Ein Jahrgang in einem Gymnasium mit vier Maturaklassen: drei gemischte, eine Mädchenklasse (die Französisch und Latein in geschlechtergemischten Gruppen lernte, also auch koedukativ unterrichtet wurde). In einer der Klassen wählten auffällig viele Mädchen ohne Scheu und freiwillig Physik oder Chemie - also "typische Männerfächer" - als Prüfungsgebiet. Aus welcher Klasse kamen die technikaffinen Mädchen? Aus der Mädchenklasse. Zufall? Sicher nicht. Und dass die "Männerfächer" von Frauen unterrichtet wurden, hat wohl auch zum selbstverständlichen Cross-Gender-Lernen beigetragen.

Das Beispiel zeigt, was viele Studien belegen: Die Lernumgebung spielt eine wichtige Rolle, wie Buben und Mädchen mit Geschlechterklischees - und sei es noch so unbewusst - konfrontiert und noch immer stark in traditionelle Bahnen gelenkt werden. Oder aber, wenn sie andere Vorbilder vorgelebt bekommen, sich auf neue Pfade wagen. Eine zeitweilige Trennung in bestimmten Fächern ist daher sicher sinnvoll, um die Geschlechterproblematik in den Schulen bewusst zu machen und Lehrer wie Schüler zu sensibilisieren.

Schule ist weit mehr als der Ort, an dem Kenntnisse in Deutsch, Mathematik, Physik und Chemie erworben werden sollen. Schule ist auch ein Ort, an dem Mädchen und Buben für das Leben als Frauen und Männer lernen. Sie ist also ein Ort, an dem Geschlechterpolitik stattfindet und Geschlechterhierarchien nachgespielt - oder aufgebrochen - werden. Das Prinzip der Koedukation macht erst dann wirklich Sinn, wenn Geschlechterrollen bewusst reflektiert werden. Solange dieser geschlechtersensible Umgang noch nicht automatisch passiert, sind bewusst monoedukative Phasen wichtig und sinnvoll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3. 2005)

  • Das Prinzip der Koedukation macht erst dann wirklich Sinn, wenn Geschlechterrollen bewusst reflektiert werden.
    foto: standard/cremer
    Das Prinzip der Koedukation macht erst dann wirklich Sinn, wenn Geschlechterrollen bewusst reflektiert werden.
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