Die Botschaften des Körpers entschlüsseln

24. April 2005, 17:00
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Chronische Krankheiten wie Endometriose ganzheitlich behandeln - für "Wildwuchs"-Beraterin Beatrix Eichinger auch eine feministische Herausforderung - ein dieStandard.at-Interview

Die Frauen, die zu Beatrix Eichinger kommen, haben meist schon einen langen Leidensweg hinter sich. Nach mehr oder weniger erfolgreichen Operationen, Hormontherapien und/oder der Einnahme von Schmerzmitteln wenden sie sich an die Wildwuchs-Beraterin aus Wien, um beispielsweise die Beschwerden einer chronischen Frauenkrankheit wie Endometriose in den Griff zu bekommen. Im Interview mit dieStandard.at erklärt Beatrix Eichinger den Ansatz dieser "Hilfe zur Selbsthilfe" und warum die Methode Wildwuchs auch aus feministischer Perspektive viel Mut von der Patientin erfordert.

dieStandard.at: Was hat es mit dem Namen "Wildwuchs" auf sich?

Beatrix Eichinger: Die Methode Wildwuchs wurde von Angelika Koppe entwickelt und wird in Deutschland schon seit 20 Jahren angewandt. Koppe war in jungen Jahren an Endometriose erkrankt und entwickelte auch für sich eine Methode, um heilsamer mit sich selbst umgehen zu lernen und um für den Rest ihres Lebens von Medikamenten unabhängig werden zu können. Der Name nimmt einerseits auf die Krankheit Endometriose bezug, wo sich Gebärmutterschleimhaut ja auch "wildwuchernd" im Unterleib ausbreitet, andererseits auf die hoffentlich wildwuchernde Verbreitung dieser Methode.

dieStandard.at: Worin besteht die Methode Wildwuchs?

Beatrix Eichinger: Wir arbeiten mit inneren Bildern. Durch geführte Körperreisen kommt man/frau in Kontakt mit dem eigenen Körper. Das Krankheitsgeschehen wird analysiert und die Botschaften des Körpers entschlüsselt. Menschen erkennen, dass sie im Krankheitsfall mehr Möglichkeiten haben, als sie gemeinhin zu denken wagen. Sie können mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Arbeit mit den inneren Bildern eigenverantwortlich Veränderungen ihrer Lebensweisen herbeiführen, die heilsamer sind, als ihre bisherigen und oft verbessert sich der Zustand und die Lebensqualität.

dieStandard.at: Speziell bei der Behandlung von Endometriose sind die Grenzen der Schulmedizin sehr schnell erreicht. Welche Vorteile ergeben sich durch die Methode Wildwuchs?

Beatrix Eichinger: Die Vorteile sind das Erkennen der Eigenverantwortlichkeit und Eigenmacht der Personen, die sich auf diese Reise begeben haben. Körperliche Beschwerden und Erkrankungen können in ihrer seelischen und spirituellen Dimension begriffen werden. Menschen erlernen einen liebevolleren Umgang mit sich selbst, kommen ihrer Körperlichkeit näher, lernen Körpersignale wahrzunehmen und im Alltag heilsamer mit sich umzugehen. Oft können Hormondosen oder andere Medikationen reduziert oder abgesetzt werden. Frauen lernen ihre Ohnmachtshaltung aufzugeben und z.B. mit Schmerzen anders umzugehen.

Grundsätzlich soll es aber nicht darum gehen, die Methode Wildwuchs gegen die Schulmedizin auszuspielen. Es ist ein ergänzendes Verhältnis.

dieStandard.at: Können Sie ein Beispiel für ein Bild einer inneren Reise geben? Wie kann frau sich das vorstellen?

Beatrix Eichinger: Hier will ich aus einem Buch von Angelika Koppe (*) zitieren: "... Auf die Anweisung hin, ein Selbstbild von mir zu visualisieren, sehe ich mich selbst in meinem gelben Lieblingsshirt, braungebrannt vom Urlaub und mit strahlenden Augen. Ich finde mich schön. Danach schrumpfe ich zu einem kleinen Wesen und klettere auf meinem Körper herum, hüpfe und springe über Bauch, Kopf, Gesicht, lustig lachend. Mein Weg in den Körper führt mich durch meine Vagina in die Gebärmutter, vorbei an der Klitoris und an den Venuslippen. Ich wandere über den schmalen Eileiter in den Bauchraum hinein und dort entdecke ich ein großes weißes Gebilde links hinter der Gebärmutter, aber ohne Verbindung zu ihr. Das Gebilde ist klar umrandet, rund, fühlt sich fest an. ... Rechts kann ich Verwachsungen sehen: Es sind feste Stränge, wie elastische Bänder. Ich habe Gedanken an Lianen ... Hier an diesem Ort ist zu wenig Platz, es fühlt sich zu eng an!Ich versuche das große Gebilde wegzuschieben, ziehe dran herum, aber ich kann es nicht verrücken...."

In der täglichen Arbeit sind die Schilderungen freilich nicht immer so bildlich. Es geht darum, welche Informationen diese Bilder vermitteln, und die sind auch vorhanden, wenn ich nichts sehe oder eben verschwommen.

dieStandard.at: Nach welchen Erkenntnissen werden diese Bilder interpretiert?

Beatrix Eichinger: Die Bilder werden mit Hilfe von Gespräch und Elementen aus verschiedenen Therapie-Richtungen wie Gestalttherapie, NLP und Psychodrama ausgewertet.

dieStandard.at: Gibt es Grenzen für den persönlichen Willen? Oder hängt Gesundheit gänzlich von psychologischen Faktoren ab?

Beatrix Eichinger: Es gibt Grenzen für den persönlichen Willen! Gesundheit hängt oft von psychischen Faktoren ab, denn Lebenseinstellungen können uns krank oder gesund machen. Wir sind immer Teil einer Umgebung, die für uns krank- oder gesundmachend sein kann. Wenn wir davon ausgehen, dass es psychosomatische Krankheit gibt, muss im Umkehrschluss gelten, dass es auch psychosomatische Gesundheit gibt. Und ich will noch den Krebstherapeuten Carl Simonton zitieren: Manchmal bedeutet Heilung Sterben und Heilung ist immer auch ein Wunder.

dieStandard.at: Die Methode Wildwuchs sagt auch, dass Frauen "anders" erkranken. Was ist damit gemeint?

Beatrix Eichinger: Die Biologie von Frauen ist zyklisch angelegt und Frauen haben besondere Organe: Gebärmutter, Eierstöcke, Vagina, Schamlippen, Klitoris. Wenn Frauen an diesen Organen erkranken, liegt darüber häufig ein gesellschaftliches Tabu. Erkrankungen an den weiblichen Organen und der Umgang damit spiegeln immer die Stellung von und die Achtung vor Frauen in einer Gesellschaft wieder.

Bei der Analyse der Reisebilder wird sehr oft deutlich, dass Frauen Schuldgefühle haben. Sie denken zum Beispiel, dass sie krank geworden sind, weil sie sich nicht gesund genug ernährt haben. Viele Frauen sind auch wütend über die Krankheit und die Schmerzen, und das ist ein Gefühl, das Frauen in unserer Gesellschaft nicht gut rauslassen können.

Die Krankheit wird also oft nicht angenommen, das ist aber sehr wesentlich für den Heilungsprozess. Denn etwas, das sein darf, darf auch wieder gehen. Im wesentlichen soll die Frau lernen, sich selbst zu akzeptieren, das negative Selbstbild überwinden.

dieStandard.at: Das klingt nach einer tiefgreifenden Veränderung, auf die frau sich da einlässt ...

Beatrix Eichinger: Auf jeden Fall. Deshalb heißt die Beratung ja auch Mut zur Selbstheilung. Neben den eigenen Widerständen, die die Patientin überwinden muss, gibt es ja auch noch die Umwelt, die oftmals sehr negativ auf diese Umwälzungen reagiert. Beginnen tut dieser Prozess mit kleinen Dingen, die in den Sitzungen als Selbstheilungsrezept vereinbart werden. Also zum Beispiel der Auftrag, den eigenen Körper nach jeder Dusche mit einer besonders wohltuenden Lotion einzucremen. Aus solchen Kleinigkeiten können sich in Folge sehr starke Bewusstseinsveränderungen ergeben, die das ganze Leben in einem neuen Licht erscheinen lassen.

dieStandard.at: Funktioniert die Methode Wildwuchs auch bei Männern? Wenn ja, bei welchen Krankheiten?

Beatrix Eichinger: Sie funktioniert bei allen Menschen die bereit sind, sich ein Krankheitsgeschehen auf eine "andere" Weise anzusehen als derzeit bei uns üblich, und die bereit sind, sich in dem Leben mit seinem ständigen Wechsel und Wandel von harmonisch erlebtem Lebensfluss zu Tod, Abschieden, Trennung bis zu der Entwicklung neuer Lebensphasen und –qualitäten hinzugeben.

dieStandard.at dankt für das Gespräch!

* Koppe, Angelika: Mut zur Selbstheilung, Diametric Verlag 2004, S. 154f

Beatrix Eichinger studierte Geschichte, Soziologie und Frauenforschung und absolvierte die Ausbildung zur Wildwuchs-Beraterin bei Angelika Koppe in Frankfurt.

Link

Homepage von Beatrix Eichinger

Plattform Wildwuchs Österreich

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    foto: eichinger
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