Radikalisierung und Schwächung

21. März 2005, 20:17
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Putins Tschetschenien-Berater zur Lage der Rebellen nach dem Tod des Kommandanten und Ex-Präsidenten Maschadow

Wien – Nach der Tötung des tschetschenischen Rebellenführers und Expräsidenten Aslan Maschadow durch russische Sicherheitskräfte sieht Aslambek Aslachanow, Kaukasus-Berater von Russlands Präsidenten Wladimir Putin, die Gefahr einer weiteren Radikalisierung des Widerstandes in Tschetschenien.

Dass gewisse Kräfte im föderalen russischen oder im lokalen tschetschenischen Sicherheitsapparat ein Interesse daran hatten, Maschadow nicht lebend zu fangen, wollte Aslachanow im Gespräch mit dem STANDARD am Donnerstag in Wien nicht ausschließen.

Vielleicht sei jemandem daran gelegen gewesen, "dass Maschadow nicht mehr erzählen kann, was beim Geiseldrama in Beslan wirklich geschah", meinte dazu Putins Menschenrechtsbeauftragter Anatoli Pristawkin. Er und Aslachanow sprachen auf einer Veranstaltung des Österreichischen Instituts für Internationale Politik und des Russischen Kulturinstituts. Maschadow hat sich von der Geiselnahme durch tschetschenische Terroristen bis zuletzt distanziert, und es gibt Gerüchte über eine Verwicklung russischer Sicherheitskräfte.

Aslachanow meint allerdings auch, dass der Tod Maschadows die Position der Rebellen schwäche. Als international bekannte Persönlichkeit habe er immer wieder Geldgeber aufgetrieben. Das werde seinem Nachfolger kaum gelingen.

Aslachanow galt als aussichtsreicher Bewerber für die tschetschenischen Präsidentenwahlen im Oktober 2003, zog dann aber seine Kandidatur zurück. Putin selbst habe ihn zur Kandidatur bewegen wollen, er habe aber abgesagt wegen der "Position der tschetschenischen Geschäftsleute" und auch, weil man Tschetschenen, die für seine Bewerbung unterschrieben, "mit der Auslöschung ihrer Familien gedroht" habe.

Erst nach seiner Absage habe der Kreml beschlossen, Achmed Kadyrow zu unterstützen (der dann auch gewählt und später ermordet wurde). Diese Darstellung Aslachanows ist ein weiteres Indiz dafür, dass Moskau die Lage in Tschetschenien nicht unter Kontrolle hat.

Laut Aslachanow ist Präsident Putin mehr denn je an einer politischen Lösung interessiert. Das zeige auch seine Bereitschaft, der Parlamentarischen Versammlung des Europarats eine Vermittlerrolle zuzugestehen. Um darüber zu sprechen, reisen Aslachanow und Pristawkin von Wien nach Straßburg zum Sitz des Europarats weiter.

Eine mögliche politische Lösung umreißt Aslachanow so: Die Tschetschenen sollten 15 bis 20 politische Vertreter wählen, die sich mit ebenso vielen Repräsentanten der Rebellen treffen, die keine Verbrechen begangen haben; Vorbedingung der Gespräche müsse die territoriale Unantastbarkeit Russland sein, über alles andere könne man reden; das Verhandlungsprotokoll solle dann dem russischen Präsidenten vorgelegt werden, und danach könne ein Abkommen über das Ende der Kämpfe geschlossen werden.

Bei der Wahl der politischen Vertreter der Tschetschenen kann sich Aslachanow "durchaus" eine Rolle internationaler Institutionen wie des Europarats vorstellen, um Manipulationen zu verhindern. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2005)

  • Aslambek Aslachanow: Präsident Putin will eine politische Lösung des Tsche- 
tschenien- 
Konflikts.
    foto: cremer

    Aslambek Aslachanow: Präsident Putin will eine politische Lösung des Tsche- tschenien- Konflikts.

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