"Koedukation auf keinen Fall aufgeben"

21. März 2005, 10:32
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SP-Brandsteidl: Förderung von Schwachen als "Glaubensbekenntnis"– Soziologe Bacher: Geschlechterrollen früher reflektieren

Wien – "Die Koedukation darf auf keinen Fall als Prinzip aufgegeben werden", stellt Susanne Brandsteidl (SP) gleich klar. Die Wiener Stadtschulratspräsidenten ist skeptisch, ob die Forderung ihres Parteikollegen Erwin Niederwieser, Chef des SP-Bildungskompetenzteams, nach zeitweilig getrenntem Unterricht für Mädchen und Buben unbedingte Konsequenz aus der Pisa-Studie sein müsse. Mädchen waren beim Lesen viel besser, Buben bei Mathe leicht vorn.

"Koedukation oder getrennter Unterricht sind keine Glaubensbekenntnisse. Es ist aber ein Glaubensbekenntnis, Schwache zu fördern", sagt Brandsteidl im Standard-Gespräch. Der Einfluss der "Lernumgebung" müsse noch genauer abgeklärt werden.

Johann Bacher, Soziologieprofessor an der Uni Linz, hält den gemeinsamen Unterricht der bei Pisa getesteten 15- Jährigen "nicht für den Hauptgrund" der geschlechtsspezifischen Ergebnisse. Der "Leistungsabfall der Buben" habe mehrere Ursachen: Immer weniger Buben gehen in die AHS- Unterstufe – weil, so Bacher, bei Buben die Bildungsentscheidung möglicherweise "vorsichtiger" getroffen wird, da angenommen wird, "dass ihnen nach der Hauptschule mehr Bildungsmöglichkeiten (attraktivere Lehrberufe, HTL) offen stehen". Zudem signalisiere die bestehende Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt den Buben unbewusst auch, dass ihnen "als Männer" auch ohne besondere Lernanstrengung bessere Berufschancen gesichert seien. Bacher: "Ein reflexiver Umgang mit Geschlechterrollen müsste schon daheim, im Kindergarten und in der Volksschule geübt werden."

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 18.3.05)

  • Im Wiener Schottengymnasium (Bild) blieben die Burschen fast 200 Jahre lang unter sich. Seit dem Schuljahr 2004/05 werden auch Mädchen bei den "Schotten" aufgenommen.

    Im Wiener Schottengymnasium (Bild) blieben die Burschen fast 200 Jahre lang unter sich. Seit dem Schuljahr 2004/05 werden auch Mädchen bei den "Schotten" aufgenommen.

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