Mit Vollgas in eine ungewisse Zukunft

23. März 2006, 13:10
8 Postings

Das Ringen um eine berufliche Identität zwischen Arbeitslosigkeit und Auffangnetz - Eine Studie der Uni Wien erforscht die Lebenswelt von "schwer vermittelbaren" Jugendlichen

Sie sind jung, sie sind arbeitslos und sie sehen sich einem Arbeitsmarkt gegenüber, der nur wenigen von ihnen eine berufliche Zukunft bieten kann - Jugendliche, die noch in ihrer Erstausbildung stecken, sind heute bereits in vollem Ausmaß mit der Realität und Ökonomie des Arbeitsmarktes konfrontiert. Ein Forschungsprojekt am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien will jetzt auf die Schwierigkeiten, mit denen jungen Menschen ohne Arbeit konfrontiert sind, aufmerksam machen.

Zwischen Arbeitswelt und Auffangnetz

Das Forschungsprojekt "Bildungstopographien? Der Arbeitsmarkt und seine 'schwer vermittelbaren' Jugendlichen" unter der Leitung von Mag. Agnieszka Dzierzbicka vom Institut für Bildungswissenschaft will diejenigen zu Wort kommen lassen, die ExpertInnen ihrer Lebenswelt sind - die Jugendlichen selber. Kernfrage der Studie: Wie kommen arbeitslose Jugendliche mit ihrem Leben zurecht, wie empfinden sie das "Auffangnetz" der weiterbildenden Kurse und wie reagieren sie auf die Ablehnung durch den Arbeitsmarkt.

Soziale Isolierung

Durchgeführt wurde das Projekt als Forschungspraktikum parallel zur Vorlesung "Jugend – Begriffsbestimmungen und Deutungen". Als Vorbild diente die bekannte Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda, die bereits in den 30er Jahren konstatierte: Die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen leiden weniger unter der schlechten finanziellen Lage, als unter der sozialen Isolierung, die mit einem Leben ohne Beruf einhergeht. Eine Erkenntnis, die Dzierzbicka nur bestätigen kann: "Die von uns befragten Jugendlichen sind froh über die Kurse, die ihnen angeboten werden, weil sie ihnen bei der Strukturierung ihrer Zeit helfen."

Interviews mit Betroffenen

Grundlage der Aussagen über die Realität von Jugendlichen bilden Interviews mit Betroffenen, geleitet von der Frage: Wie gehen Jugendliche mit der Arbeitslosigkeit um, die durch den akuten Lehrstellenmangel verursacht wird? Zehn Studierende führten dafür im Sommersemester 2004 qualitative, problemzentrierte Interviews mit 13 "schwer vermittelbaren" Wiener Jugendlichen durch, die vom Arbeitsmarktservice zu Berufsorientierungs- oder Ausbildungskursen verpflichtet worden waren.

Angebot und Nachfrage

Das Auffangnetz dient dazu, die Lücken zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu schließen. Rund 6800 der 40.000 arbeitssuchenden 15- bis 24-Jährige befanden sich im Frühling 2004 in diesem so genannten Auffangnetz.

Methodenfragen behandelte die Soziologin Mag. Helga Eberherr, zusätzlich zu den Forschungsergebnissen drehte die Videokünstlerin Fiona Rukschcio mit Jugendlichen aus Wien und Oberösterreich sowie betroffenen TrainerInnen und BildungswissenschaftlerInnen den Film "Um Antwort wird gebeten".

Jugendliche als "Humankapital"

Überraschendes Fazit der Untersuchung: Die Jugendlichen empfinden die Kurse des "Auffangnetzes" keineswegs als sinnentleert, sondern profitieren durchaus davon. Allerdings, so Dzierzbicka, könnten auch diese Kurse nur begrenzt Wirkung zeigen, wenn einfach keine Arbeitsplätze vorhanden sind: "Der Arbeitsmarkt scheint nichts anderes zu sein als eine Börse mit einer riesigen Anzahl von Spekulierenden, den Jugendlichen als Humankapital und den TrainerInnen als Brokern", so Dzierzbicka. Gewinnen können aber nur wenige Beteiligte.

Von Anita Zielina

Link

Institut für Erziehungswissenschaft

Der Bericht zum Projekt "Bildungs-topographien? Der Arbeitsmarkt und seine 'schwer vermittelbaren' Jugendlichen", das vom Bildungsministerium und der Österreichischen Nationalbank unterstützt wurde, ist auf Anfrage erhältlich:
agnieszka.dzierzbicka
@univie.ac.at
  • Der Arbeitsmarkt als Börse - Das große Los ziehen nur wenige Jobsucher
    foto: standard/fischer

    Der Arbeitsmarkt als Börse - Das große Los ziehen nur wenige Jobsucher

Share if you care.