Lieder fürs elektrische Lagerfeuer

17. März 2005, 19:45
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Moby bewegt sich mit den Stücken seines neuen Albums "Hotel" weg von den Soundtracks für Yuppie-Cafés Richtung Altersfach Elektrobarde

Richard Melville Hall alias Moby versuchte schon früh in den 90er-Jahren, das Spektrum der damals strikt dem Track und auf gar keinen Fall dem Song verpflichteten Dance-Music zwischen Technobrett und menschenfreundlich-hedonistischem House um diverse Aspekte des Pop zu erweitern. Das führte nicht nur bereits 1991 mit Go zu einer Trivialisierung des von Angelo Badalamenti komponierten Titelthemas zu David Lynchs TV-Klassiker Twin Peaks. Moby beschränkte sich damals im Wesentlichen darauf, die altbekannten atmosphärischen Klänge von Twin Peaks einfach mit einem House-Rhythmus zu unterlegen und damit halbwegs reich zu werden.

Unterbrochen von einem musikalischen Ausflug zurück in seine Zeit als Sänger diverser vom Punk kommender Hardcore-Bands, der mit seiner mitunter etwas fundamentalistischen christlichen Weltsicht und seinem Veganertum zusätzlich für Verstörung sorgte (Animal Rights), gelang ihm spätestens 1999 der endgültige Durchbruch. Dem Album Play und dem Welthit Why Does My Heart Feel So Bad? konnte damals niemand entkommen, der den Fuß vor die Haustür setzte.

Zwar wurde und wird Moby deshalb mitunter zu Recht der Ausverkauf von Dance an die Yuppie-Clubs und -Cafés dieser Welt vorgeworfen: Die künstlerische Millionendollar-Idee allerdings, Gospel-und Blues-Samples poppig mit einfachen Big Beats und flächigen wie kitschigen Keyboardklängen aufzubereiten und ganze Songs auf ihre Kernaussage einzudampfen, um sie im herzerweiternden Pathos zu ertränken, kam offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Rückkehr des "gefühlsechten" und "authentischen" Lieds in einer kalten und neoliberalen Welt als in den Schaltkreisen konservierter und schick wieder aufbereiteter Song-Torso.

2002 versuchte Moby dann mit den 18 Stücken von 18 die Plus-Minus-Pole Dancefloor und Pop durchaus auch schon im Sinne eines traditionelleren Songwriters zu brechen und gleichzeitig das Erfolgskonzept von Play fortzuführen. Eine unentschiedene Angelegenheit, die außer dem Achtungserfolg der Weltraumforscher-Single We Are All Made Of Stars nur für wenig Aufsehen sorgte.

Wie man jetzt auf Hotel erleben kann, alles nur eine Vorstufe zu Mobys Wandlung hin zur Konvention. Mit Ausnahme von wenigen Instrumentalnummern in der Schule der alten britischen 80er-Jahre-Kitschisten Orchestral Manoeuvres In The Dark (Joan Of Arc), falls diese alte Kraftwerk-Hadern als Eigenkompositionen nachstellen würden, könnte man jeden Song dieses Albums tatsächlich auf der Wandergitarre nachspielen. Mit Ausnahme des Liveschlagzeugs und der weiblichen Background-Vocals gefällt sich Moby derzeit mit 39 in der milde gestimmten Rolle eines altersweisen Elektrobarden, der seine Karriere zwischendurch mit umgeschnallter Gitarre Revue passieren lässt.

Er streift dabei nicht nur altbewährte Rezepte wie jenes, den Gospel in den Stromkreis zu jagen und instrumentalen Orchesterkitsch mit Zweifingersynthesizer und viel Hall nachzustellen. Gerade auch das sich Richtung knarziger Lou Reed auf verlangsamtem Electro-Clash-Kurs bewegende Balladenfach kommt mit einer Gänsehaut erzeugenden und von Freundin Laura Dawn interpretierten Coverversion von New Orders Klassiker Temptation besonders gut zur Geltung. Abgesehen von Lift Me Up ist zwar kein Hit in Sicht. Aber für längere Autofahrten (und für schicke Kaffeehäuser) taugt diese Musik allemal. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2005)

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    foto: danny clinch /mute records
  • Moby: "Hotel" (Virgin/EMI)
    foto: mute records ltd

    Moby: "Hotel" (Virgin/EMI)

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