Hüttenzauber

13. April 2005, 11:41
posten

Bergsteiger, Wanderer und Biker entdecken die neue Einfachheit auf dem Berg

Gut zehn Kilometer zieht sich das Tal vom Ort Hollersbach im Pinzgau nach Süden. Es ist eines jener Hochtäler, die es in dieser Ausdehnung und Einsamkeit weder in den Ötztaler noch in den Zillertaler Alpen gibt, sondern nur in den Hohen Tauern: Obersulzbachtal, Untersulzbachtal, Habachtal und Hollersbachtal. Und hoch über den Talschlüssen stehen die Schutzhütten: die Kürsinger Hütte, die Neue Thüringer Hütte und die Neue Fürther Hütte.

Ins Hollersbachtal führt eine Fahrstraße zum Transport der Almgüter und zur Versorgung der Neuen Fürther Hütte. Diese Straße ist allerdings nur im Sommer offen, jetzt im späten Frühjahr versperren noch riesige, festgepresste Lawinenkegel das Tal. Ihre Überwindung in der kräftigen Frühnachmittagssonne kostet Schweiß und zehrt an der Kondition, nicht zuletzt wegen des schweren Rucksacks mit den Skiern, der Ausrüstung und der Verpflegung für eine Woche.

Das Ziel ist die Neue Fürther Hütte auf 2201 Metern Seehöhe. Im Talschluss kleben wir die Steigfelle auf die Gleitfläche der Skier, und in Spitzkehren geht eine enge, steile Rinne hinauf, eine so genannte "Zwinge", die Schlüsselstelle des Anstiegs. Danach wechseln flache und mittelsteile Hänge. Als sich die Letzten der Hütte nähern, ist es schon stockdunkel.

Mehr als fünf Stunden hat dieser Anstieg für die Langsamsten gedauert, ein echter "Hüttenschlauch" oder "Hüttenschinder". Jetzt aber verkünden die hell erleuchteten Fenster das Ende aller Anstrengungen. Nichts ist schöner, als den schweren Rucksack abzustellen, die Skischuhe mit den Hüttenpatschen zu vertauschen und ein Stamperl Vogelbeerschnaps mit dem ersten Schluck Bier hinunterzischen zu lassen.

Normalerweise ist die Hütte um diese Jahreszeit nicht geöffnet

Tourengeher müssen sich mit dem Winterraum begnügen, selbst einheizen und kochen. Da wir aber eine große Gruppe sind, ist der Hüttenwirt mit heraufgekommen. Er hat schon eingeheizt, Schnee zu Wasser geschmolzen und ist dabei, ein einfaches "Bergsteigeressen" in Form von Wurstnudeln zu kochen. Aufenthalte auf entlegenen Schutzhäusern wie der Neuen Fürther Hütte werden zusehends wieder attraktiv.

In den vergangenen Jahrzehnten war da eine Stagnation eingetreten. Zufahrtsstraßen, Allradautos und geändertes Freizeitverhalten hatten für einige Schutzhäuser einen Boom mit Tagestourengehern gebracht - auf die Heidelberger oder die Jamtalhütte in der Silvretta kann man sich mit Raupenfahrzeugen hinauffahren lassen und damit frühere mehrtägige Touren an einem Tag erledigen. Modetouren wie auf den Großvenediger bringen etwa der Kürsinger Hütte auch Übernachtungen. Von attraktiven Rundtouren wie der Glocknerumrundung profitieren alle Hütten am Weg. Und eine neue Klientel von Mountainbikern erobert Stützpunkte, die ursprünglich für Bergwanderer und Kletterer gebaut wurden.

Schutzhütten wurden zunehmend zum Problem

Schutzhütten mit langen Anstiegen in entlegenen Gebieten hingegen wurden für die Erhalter - meist den Alpenverein oder die Naturfreunde - zunehmend zum Problem. Steigende Umweltschutzauflagen (Kläranlagen, Abfallbeseitigung), die Notwendigkeit, die Komfortstandards zu verbessern, Wegeerhaltung, Schwierigkeiten, Personal zu bekommen, stießen die Hüttenerhaltung in eine tiefe Krise. "Wenn wir weiterhin immer weniger Hilfe von Bund, Ländern und Gemeinden erhalten", klagte der AV-Vorsitzende Peter Grauss, "müssen wir aus wirtschaftlichen Gründen die Sperre vieler Hütten in Erwägung ziehen." Vor wenigen Monaten erst musste ein Flaggschiff der AV-Schutzhäuser, die erst in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts erbaute Rudolfshütte in den Hohen Tauern, an einen Hotelier aus Zell am See verkauft werden. Der will daraus ein Hochgebirgs-Luxushotel machen, aber einen Teil den Bergsteigern zu AV-Tarifen reservieren.

Luxusherbergen oder Hochgebirgsruinen? Dazwischen gibt es eine neue Chance mit einer neuen Klientel. Ältere, aber auch ganz junge Bergsteiger, Skitourengeher, Wanderer und Biker entdecken den Reiz des Einfachen. Der Hüttenwirt der Tonnerhütte in der Steiermark etwa führt seine Gäste persönlich auf den Zirbitzkogel, heizt danach die Sauna und das Holzschaffelbad auf und lädt am Abend zum Grill bei Kerzenlicht.

Auf der Neuen Fürther Hütte bringt der nächste Tag inzwischen Schneetreiben. Da darf das Frühstück endlos dauern. Nach einer kurzen Tour auf das Sandeben Törl sind wir schon früh wieder zurück, helfen dem Hüttenwirt beim Schneeschmelzen, spielen Karten und fallen in einen Siestaschlaf. Der ist im eigenen Schlafsack - neue Einfachheit hin oder her - besonders erquickend, weil man nicht auf die kratzenden Hüttendecken mit der Markierung "Fußende" angewiesen ist.
(Der Standard/rondo/18/03/2005)

Von Horst Christoph
  • Nach einem langen Aufstieg endlich an der Hütte angekommen.
    foto: öw

    Nach einem langen Aufstieg endlich an der Hütte angekommen.

Share if you care.