Der Nil in Zeitlupe

25. Mai 2005, 12:00
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Morgens Kultur, nachmittags Müßiggang, abends Schlemmern: Die Freuden einer Fluss- kreuzfahrt zwischen Assuan und Luxor

Elegant schaukeln die alten, schneeweißen Holzboote auf dem Nil. Leise schwingen die Glastüren im Hintergrund, und sogar die Handys klingen irgendwie leiser als sonst. Und irgendwann versinkt die Sonne wie in Zeitlupe - nur die Spatzen tummeln sich noch aufgeregt. Dass man auf dieser Terrasse mit Nilblick alles als so ungemein beruhigend empfindet, liegt daran, dass alles nur auf eines hinausläuft: Müßiggang. Kein Ort scheint besser dafür geschaffen, den Tag dekadent ausklingen zu lassen als das legendäre "Old Cataract Hotel" in Assuan. Agatha Christie hat hier "Tod auf dem Nil" geschrieben und spielen lassen.

"Meet you at the Terrace!", hatten die Briten, die einstigen Kolonialherren, sich als geflügeltes Wort zugerufen. Das Old Cataract, 1899 in einem Mix aus viktorianischem und arabischem Stil gebaut, hat auch heute keine Werbung nötig. Kein Schild, kein Foto verweist im Cataract auf seine berühmten Gäste (von Winston Churchill über Antoine de Saint-Exupéry bis zu Diana). Alles hier ist dezent. So dezent, dass im Saint-Exupéry-Lesezimmer nicht einmal ein Agatha Christie-Krimi zu finden ist - stattdessen: Donna Leon.

Nirgends ist das Licht so großartig wie in Assuan

Der Nil ist so blau, dass er wie handkoloriert aussieht. Weiße Segelboote gleiten vor ockerfarbenen Sanddünen, saftige Palmen und grüne Gärten wuchern direkt am Nil. In Assuan hat man das Gefühl, in Afrika angekommen zu sein. Bei den wohlhabenden Engländern war es im 19. Jahrhundert geschätzt als Rheumakurort, und das trockene Klima macht Assuan noch heute viel milder als das nördlichere Luxor.

Um sich auf den Nil einzustimmen, startet man am besten mit einer Felukenfahrt (so heißen die alten Holzsegelboote mit ihren nubischen Kapitänen) und wirft sich abends in den Wirbel des Basars. Zwischen Parfums, Gewürzen, Seidenschals ohne Ende und allerlei Krimskrams wird es noch einmal hektisch, bevor man gemächlich den Nil hinauftuckert.

Auf der 200 Kilometer langen Strecke zwischen Assuan und Luxor pendeln rund 300 Schiffe. Wie beliebt Nil-Kreuzfahrten sind, merkt man schon beim Einchecken: Schiff an Schiff liegen sie vor Anker. Oft muss man zwei, drei, vier Schiffe überqueren, um aufs richtige zu gelangen.

Nil-Kreuzfahrten, so liest man in jedem Reiseführer, sind nicht so luxuriös wie Meereskreuzfahrten. Dafür sind sie viel charmanter, und die Passagieranzahl ist mit oft nur 40 Gästen weit geringer als auf den riesigen Meereskreuzern. Auch die Kabinen sind verhältnismäßig groß.

Von den Panoramafestern aus sieht man in Cinemascope alte Fischerboote vorbeiziehen, oder es stehen Pferde am lehmigen Ufer. Mit gemächlichen 20 Stundenkilometern gleitet die MS Royale dahin. Oben auf dem Sonnendeck gibt es zwei Programme, die erstaunlich abwechslungsreich sind. Karge Lehmhäuser links, üppige Felder rechts, und die Muezzins der Moscheen rufen in Stereo zum Gebet.

Die Besichtigungen der Tempelanlagen sind meist morgens, in den Sommermonaten sogar oft schon um fünf in der Früh, weil es später zu heiß wird. Das Programm ist dicht, die Zeit knapp: die mumifizierten Krokodile von Kom Ombo, der imposante Tempel von Edfu und dann Theben West, ins Tal der Könige, zum Hatschepsut-Tempel, zu den riesigen Säulen von Karnak. Ägypten im Schnelldurchlauf. Übervoll mit Informationen, wird man mit einem heißen, feuchten Erfrischungstuch und einem Pfefferminztee wieder an Bord begrüßt und liegt man Nachmittags faul an Deck und liest Agatha Christie.
(Der Standard/rondo/18/03/2005)

Von
Karin Cerny

Info:
Kreuzfahrten auf der MS Royal werden von der TUI angeboten.
  • Das Grab des Amenophis II im Tal der Könige in Luxor.
    foto: der standard/christian fischer

    Das Grab des Amenophis II im Tal der Könige in Luxor.

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