Ein Lächeln für alle Fälle

10. Oktober 2007, 11:55
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Stephan Hilpold war auf Lokalaugenschein auf Bali und in Malaysia und besuchte Tempeltänzer- innen, Strandverkäufer und Tourismusmanager

Die Augen rollen sie mechanisch, von links unten nach rechts oben, die Hände sind nach außen gespreizt, die Zehen nach oben gebogen. Von einer Pose gleiten sie in die nächste, jede einzelne wirkt wie eingefroren, und doch ist hier, in der Sudi-Tanzschule im Ort Blahbatu, alles in unaufhörlicher Bewegung. "Lächeln!", trichtert der Tanzlehrer den rund zwei Dutzend Tanzschülern immer wieder ein, doch so einfach ist das Zusammenspiel von Bewegung und Ausdruck nicht. Dabei wäre höchste Konzentration gefragt: In Balis Tänzen drücken sich nicht weniger als die Kämpfe der Götter und das Selbstbewusstsein der Krieger aus, sie erzählen von schönen Frauen und bösen Dämonen, bündeln Mythen und Geschichten.

Mannigfaltige Mimik

"Die Balinesen verfügen für alle Lebensumstände über Gebärden und mannigfaltige Mimik", hatte der große Theatermacher Antonin Artaud begeistert geschrieben, als er in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in Paris eine Tanzgruppe aus Bali beobachten konnte, und fuhr überschwänglich fort: "Das Drama spielt sich nicht zwischen Gefühlen, sondern zwischen Geisteszuständen ab." Diese erzählen in ihrer mystischen Fremdheit von nichts weniger als von einer Insel, die in unseren Breitengraden am liebsten als das "sanfte Paradies" apostrophiert wird, in Wahrheit aber eine wechselhafte, teilweise sehr schmerzhafte Geschichte besitzt.

"Vor allem die Ereignisse der vergangenen Jahre haben die Balinesen und natürlich auch den Tourismus empfindlich getroffen", sagt der Österreicher Robert Köhler, der seit über zwanzig Jahren jeweils die Hälfte des Jahres auf Bali verbringt: "Und das nicht einmal, sondern immer und immer wieder." Erst die Wirtschaftskrise 1997, dann die Auswirkungen auf den weltweiten Tourismus im Gefolge der Twin-Tower-Terroranschläge. Die Unruhen und Kriege im Rest Indonesiens, dann auch noch Sars. Schließlich 2002 der Anschlag in Kuta, der den Tourismus beinahe vollständig versiegen ließ. Und jetzt der Tsunami: Banda Aceh ist über 2500 Kilometer entfernt, beruhigen Hotelmanager und Tourismusverantwortliche unisono, besucht man dieser Tage die in den letzten Monsuntagen unter der hohen Luftfeuchtigkeit stöhnende Insel. Derzeit verzeichne man sogar ein leichtes Umsatzplus, da viele Touristen von den betroffenen Gebieten nach Bali ausgewichen seien.

Reist man via Malaysia nach Bali

... dann kommen einem die Sorgen und Klagen der balinesischen Tourismusindustrie wie ein Echo der malaiischen vor. Auf Langkawi etwa, der nördlichsten Insel Malaysias, die von Phuket ähnlich weit entfernt ist wie die Hauptstadt Kuala Lumpur, hat der Tsunami nur einen relativ kleinen Küstenabschnitt betroffen. Ein Hotel musste geschlossen werden, eine Person kam ums Leben. Weisen Einheimische nicht auf die Schäden hin, dann fallen sie einem als Besucher gar nicht auf.

Im Unterschied zu Bali ist hier gerade Hauptsaison, die Hotels sind gut belegt, doch es könnte auch ein bisschen mehr sein. Innerhalb relativ kurzer Zeit hat Malaysia aus dem verschlafenen Archipel eine Tourismusdestination gemacht, samt Shoppingmalls und futuristischen Aussichtsplattformen oben auf den Bergen der Insel (Bild rechts) . Umso massiver die Ängste, potenzielle Touristen könnten sich durch die Nähe zum Katastrophengebiet abhalten lassen. Auf Bali wissen von solchen Sorgen auch die Strandverkäufer ein Lied zu singen. Wie jeden Tag angeln sie sich an den Stränden von Nusa Dua, Kuta oder Legian von einem Touristen zum nächsten. Um einige Dollars bieten sie Massagen an, die in den Hotelkomplexen nur um das Vielfache zu haben sind, sie verkaufen billige Batikstoffe und überdimensionale Muscheln. Nur langsam erholen sie sich von den Anschlägen von vor zwei Jahren, jetzt sind ihnen die Sorgen wieder ins Gesicht geschrieben.

Trotzdem: Der Ramsch gedeiht auf Bali wie eh und je

... verzückt stürzen sich die Touristen darauf und bemerken nicht, dass es nur einige Straßenzüge weiter auch die wirklich schönen Stücke gibt. Das scheint auf Bali in allen Bereichen so zu sein: Wer nach Kuta, das indonesische Ballermann, fährt, oder nach Nusa Dua, einer riesigen, sterilen Ferienanlage, dem entgeht ein Bali, das sich viel von den Besonderheiten und Traditionen erhalten hat, die bereits die ersten Reisenden - in den Zwanziger- und Dreißigerjahren waren dies vor allem Schriftsteller und Maler - an dieser Insel faszinierten. Anderntags etwa in Ubud: Die alte Fürstenresidenz liegt verschlafen inmitten von Reisterrassen, Motorräder knarren durch die Gassen, ein Laden neben dem anderen versucht, Ölgemälde zu verscherbeln.

Ubud ist das Zentrum balinesischer Malerei

... und diese ist zu einem wichtigen Stück auch europäisch. Der deutsche Walter Spiess, der hier bis 1939 lebte, wurde mit seinen Ubud-Bildern zu einem der wichtigsten Tropenmaler neben Gauguin. Eine ganze Reihe von Malern haben sich seitdem in diesem Städtchen in den Bergen oder auf Bali niedergelassen. (Der bekannteste österreichische Maler: der kürzlich verstorbene Robert Zeppel-Sperl) Ganz hat der Tourismus Ubud allerdings noch nicht in der Hand, vor allem, macht man einige Schritte hinaus auf die Reisfelder, die hier auf Bali heute noch genauso bestellt werden wie vor Jahrhunderten. In den Bergen, vor dem Panorama der sich auftürmenden Vulkane, ist das besonders gut zu beobachten. Nahe des Bergdorfs Pupuan, im Nordwesten der Insel, mühen sich die Bauern, mit ihren Rindern die wasserschwere Erde zu pflügen, Enten watscheln durch die Reisterrassen, daneben schlagen Frauen mit Büscheln von Reisgarben gegen ein Brett, damit sich die Ähren lockern und die Reiskörner zu Boden fallen. Dieses Ritual ist jetzt, zur Zeit der Ernte, immer wieder auf der Fahrt über die an jeder Weggabelung mit neuen Einblicken lockende Insel zu erleben.

Lange dauert die Fahrt, bis man den übervölkerten Süden hinter sich gelassen hat, die sich immer weiter ausbreitende Hauptstadt Denpasar, und bis die Besiedlungen lockerer werden. Links und rechts düsen die allgegenwärtigen Motorräder vorbei, Lastwägen verstopfen die Straße. Im Norden begegnet man dann einem ganz anderen Bali, viele Backpacker sind hier unterwegs, die Atmosphäre ist ruhiger und auch gelassener. Aus dem gleißenden Grün erhebt Singaraja, die alte Haupt- und Hafenstadt, fast unmerklich ihr Haupt, viele Häuser sind noch im holländischen Kolonialstil. (Australische) Surfer wie in den Massentourismusorten Balis tummeln sich hier keine, das Badevolk bleibt im aufgeregten Süden. So tritt sich niemand auf die Füße. Und das ist gut so.
(Der Standard/rondo/18/03/2005)

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Der Asienveranstalter Jumbo Touristik bietet Reisen nach Bali und Malaysia
Jumbo Touristik
  • Vor allem in den vergangenen Jahren wurde die "Götterinsel" von einer Reihe schwerer Schläge betroffen. Glücklicherweise verschonte der Tsunami die Insel.
    foto: der standard

    Vor allem in den vergangenen Jahren wurde die "Götterinsel" von einer Reihe schwerer Schläge betroffen. Glücklicherweise verschonte der Tsunami die Insel.

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