Pro und Kontra: Straffreiheit fürs Schulschwänzen

8. Juli 2005, 10:26
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Von den Eltern erlaubte Fehltage: Begrüßenswerte Ehrlichkeit oder grobe Schnitzer in der elterlichen Erziehungsarbeit?

PRO:
Urlaub für Schüler


Von Conrad Seidl

Mit der Schulpflicht ist das so eine Sache: Sie gilt dann, wenn es Bürokraten für richtig halten. Also: nicht in der Karwoche, nicht zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, nicht im Juli und August. Nicht in einer anachronistischerweise als "Energiewoche" bezeichneten Semesterferienwoche. Und auch nicht an so genannten schulautonomen Tagen.

Zu diesen Zeiten dürfen Schüler gar nicht in die Schule kommen, egal, ob die Eltern die lieben Kleinen daheim beaufsichtigen können oder eine andere Lösung finden müssen. Die Schulpflicht ist ja schließlich keine Pflicht der Schule, sich um die Kinder zu kümmern. Sie ist eine Verpflichtung, am Unterricht teilzunehmen. Ausnahmen zu erteilen liegt im Ermessen der Behörde, nicht in dem der Erziehungsberechtigten. Die sollen gefälligst die Kinder an Schultagen in der Schule abliefern - und sich dann auf Urlaub begeben, wenn alle anderen Familien (und die in dasselbe starre Zeitkorsett gezwängten Lehrer) fahren und die Preise entsprechend hoch sind.

Freilich: Wer sagt, dass er leider, leider, krank ist, kann sich ohne große Schwierigkeiten für einige Tage oder auch eine Woche der Schulpflicht entziehen. Wenn besondere Ereignisse im Leben des Schülers oder seiner Familie anstehen, ebenfalls: Findet das nächste winterliche Familientreffen eben eine Woche vor Weihnachten in einem schönen und zu dieser Zeit billigen Skigebiet statt! So etwas was geht problemlos durch.

Ehrlichkeit aber nicht.

Dabei wäre es im Sinne aller Beteiligten - auch der Lehrer - wenn die Sommerferien ein, zwei Wochen gekürzt würden und dafür unter dem Schuljahr entsprechend Urlaub genommen werden könnte wie in jedem anderen Betrieb auch.

* * *

KONTRA:
Ein Pinsch für die Eltern

Von Otto Ranftl

Zwei Tage, was sind schon zwei Tage? Sind sie wichtig, wenn ohnehin gleich Ferien beginnen? Sie sind wertvoll, diese Tage, wenn sie darüber entscheiden, ob sich eine Ferienreise ausgeht oder nicht, ob der Urlaub zu X-Large-Ferienpreisen oder gerade noch zu einem Zwischensaisontarif angetreten werden kann. Wer sich für die Ferien entscheidet, kann von der Schulbehörde gestraft werden. Soll man sich darüber empören?

Wünschen dürfen sich Eltern viel, auch eine Reform des Schulwesens, die Freizeitgestaltung ohne Einschränkungen erlaubt. Wenn man dann schon dabei ist: Überhaupt sollte die Schule das Fortkommen der lieben Kleinen ohne nachteilige Wirkungen auf das Familienleben sichern - kein Durchfallen, aber bessere Leistungen, und Papa und Mama wird erspart, sich abends um Mathematik oder Englischhausübung zu kümmern.

Wenn wir dann wieder munter sind, werden wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Elternwünsche eben nur ein Teil der an die Schule zu stellenden Anforderungen sind. Die Schüler haben ganz andere Wünsche und Notwendigkeiten. Und die Lehrer erst: Die Pädagogen bringen wieder andere Vorstellungen ein, wenn sie die vorgeschriebenen Lehrziele erreichen wollen. Dann haben da noch die politischen Parteien und die Kirchen ein paar Vorstellungen.

Schule ist eben nicht die Zeit zwischen den Ferienterminen, es verhält sich gerade umgekehrt. Das zu vermitteln ist ein Lernziel; das hat etwas zu tun mit Verpflichtung übernehmen, macht Jugendliche reif für einen Beruf. Klar wissen Eltern, wie man sich drücken kann - in der Praxis heißt das: grobe Schnitzer in der Erziehungsarbeit machen. Gewöhnlich werden die halt nicht (so schnell) sanktioniert.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17.3.2005)

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