Analyse: Ach, Kroatien!

3. Mai 2005, 15:19

Ein ganzes Land in Geiselhaft - Von Paul Lendvai

Die europäische Öffentlichkeit erlebt wieder einmal einen facettenreichen Konflikt zwischen Realpolitik und Moral, zwischen handfesten Interessen und feierlich verkündeten Prinzipien. Es geht um Kroatiens Platz in der Europäischen Union. Darf die Union wegen eines einzigen flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrechers 4,5 Millionen Kroatinnen und Kroaten vor den Kopf stoßen und die Aufnahme von offiziellen Beitrittsverhandlungen auf die lange Bank schieben? Ist das nicht geradezu lächerlich, dass ein ganzes Land sozusagen als Geisel genommen wird? Der in dieser Kolumne bereits erörterte Fall des seit 2001 verschwundenen kroatischen Generals Ante Gotovina, dem unter anderen die direkte Verantwortung für die Ermordung von 150 serbischen Zivilisten 1995 vorgeworfen wird, ist der offizielle Grund für die Verschiebung.

Realpolitisch ist ein solcher Schritt kontraproduktiv und es ist kein Wunder, dass angesehene Beobachter vor den Auswirkungen einer von der Mehrheit der Kroaten als unfair betrachteten Behandlung warnen. Der österreichische Regierungschef und auch wichtige Politiker und Diplomaten anderer mittel- und südosteuropäischen Staaten haben sich neuerlich für die Eröffnung offizieller Beitrittsgespräche ausgesprochen. Auch die in der kroatischen Wirtschaft engagierten österreichischen und anderen Investoren erheben ihre Stimme gegen eine folgenschwere Isolierung Kroatiens.

Der Verfasser dieser Zeilen gehört zu jenen, die stets gegen die Verteufelung Kroatiens und für seine Unabhängigkeit aufgetreten sind. Weder die Erinnerung an die Gräueltaten des Ustascha-Regimes, noch die nationalistischen Exzesse der korrupten Tudjman-Ära in den 90er- Jahren dürfen als scheinheilige Argumente für die politische und wirtschaftliche Diskreditierung Kroatiens dienen. Trotz allem darf die andere Seite der Medaille nicht ignoriert werden:

Weder die frühere linke Racan-Regierung, noch die gegenwärtige bürgerlich- konservative Sanader-Regierung konnte die Mehrheit der EU-Staaten und vor allem die mächtige und unbestechliche Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte, überzeugen, dass sie wirklich alles taten, um Gotovina auf die Spur zu kommen. Dass dabei auch die französischen Behörden den französischen Pass des einstigen Fremdenlegionärs knapp vor seinem Verschwinden erneuert haben und gegen seine angeblichen Helfer im kriminellen Milieu nicht durchgreifen konnten oder wollten, soll ebenfalls nicht vergessen werden.

Die Tatsache, dass das Bankguthaben Gotovinas angeblich erst jetzt gesperrt wurde und dass er nach allen verfügbaren Informationen von mächtigen Gruppen der Geheimpolizei und der nationalistischen Auslandsemigration finanzielle und organisatorische Hilfe erhält, ist nicht nur der Anklagebehörde in Den Haag bekannt.

Darüber hinaus ist jetzt eine neue Situation entstanden. Der in der Provinz Kosovo ebenfalls als "Kriegsheld" betrachtete junge Ministerpräsident Ramush Haradinaj leistete dem Haager Haftbefehl sofort Folge, und auch mehrere serbische Generale stellten sich in den letzten Wochen dem internationalen Tribunal. All das macht die Lage der Zagreber-Regierung noch schwieriger. Sie zahlt jetzt die Rechnung für den saloppen Umgang mit der Hypothek der Vergangenheit und den Altlasten der Tudjman-Zeit. Bei der Aufarbeitung des moralischen Bankrotts, den die von den Serben angezettelten Balkankriege hinterlassen haben, bricht der Konflikt zwischen interessenbedingter Realpolitik und den von den gleichen Staaten verkündeten moralischen Prinzipien wieder mit voller Wucht auf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 17.3.2005)

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