Schanigartenrichtigstellung

20. März 2005, 21:25
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Es war heute. Da hat D. dann ein Mail geschrieben, in dem sie ein paar Dinge klar stellen wollte ...

Es war heute. Da hat D. dann ein Mail geschrieben, in dem sie ein paar Dinge klar stellen wollte. Schließlich,. meint D., wäre es nicht gut, Menschen im Glauben zu lassen, an einer außergesetzlichen – oder zumindest nicht verordnungskonformen – Handlung teil zu nehmen, wenn dem gar nicht so sei. Auf Dauer, fürchtet sie, könne sich das nämlich negativ auf die Psyche auswirken.

Außerdem, so D., sei es ihr aber auch ein berufliches Anliegen, einen Fehler richtig zu stellen. Nicht zuletzt, weil sonst ja der Eindruck entstehen könnte, dass alle Cafetiers, die jetzt schon im Freien servieren, Gesetzesbrecher sind. Und als Pressesprecherin des Kaffeesiederverbandes, erklärte D., müsse sie also einschreiten. Auch im Dienste der Volksbildung.

Veraltetes Recht

Es ist nämlich nicht – nicht mehr, gesteht mir D. zu, lange Zeit Recht gehabt zu haben – so, dass die Schanigartensaison erst dann beginnt, wenn der Bürgermeister einen Tisch auf die Straße trägt. Das war einmal. Aber man stelle ich vor, was das für die Gastronomie bedeuten würde, wenn der Bürgermeister sich die Hand verstaucht hat ­ und bis tief in den Mai einen Gips tragen muss.

Wäremeinbruch

Darum hat die weise Verwaltung sich hier zurückgenommen. Den Vorgang entpersonalisiert und dereguliert. Und dem Landesfürsten – so wie vor ein paar Jahrhunderten das „ius primae noctis“ – das „ius primae cappuccinae“ (oder was auch immer er da zu trinken begehrte) abgesprochen: Die Schanigartensaison beginnt in Wien am 1 März. Und dafür, dass das Wetter da nicht mitgespielt habe, solle man, schreibt D., bitte weder die Kaffeesieder noch die Stadtverwaltung verantwortlich machen: Die Infrastruktur habe für den Fall eines verfrühten Wäremeinbruches bereit gestanden.

Freilich: Die große und gönnerhafte Geste, den Wienern alle Jahre wieder den Gastgarten zu schenken, will sich der Bürgermeister dennoch nicht nehmen lassen: Heuer, schreibt D., wird es am 7. April soweit sein. Im Café Sperl. Und zwar auch dann, wenn es bis dahin wieder schneien sollte.(17.3.2005)

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