Versicherung beim Wort nehmen!

9. Mai 2005, 14:25
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Was tun gegen die hohe Saisonarbeitslosigkeit? Könnte es sein, dass das derzeitige System der Arbeits­losen­ver­sicher­ung daran nicht ganz unschuldig ist? - Kommentar der anderen von Rudolf Winter-Ebmer

Je hartnäckiger der Winter und je zählebiger der Schnee, desto erregter wird in Österreich über die hohe Saisonarbeitslosigkeit diskutiert. Faktum ist: In der Regel liegt die gemessene Arbeitslosigkeit im Jänner um ca. 60 Prozent höher als im Juli.

Und: Die Debatte dreht sich jedes Jahr um die gleichen Fragen: Wie viele Arbeitslose mit Einstellungszusage bei der ehemaligen Firma gibt es, stellt die Saisonarbeitslosigkeit ein "Bauphänomen" dar, nützen Arbeitslose und Firmen "das System" aus?

Wie wäre es zur Abwechslung mit einer anderen Frage: Könnte es nicht sein, dass die institutionelle Ausgestaltung des Arbeitslosenversicherungssystems für dieses Problem verantwortlich ist?

Stellen wir uns kurz vor, es gäbe gar keine Arbeitslosenversicherung; dann müssten Firmen in Branchen mit hohem und gut kalkulierbaren Arbeitslosigkeitsrisiko ihren Arbeitern einen höheren Lohn zahlen, weil diese sonst in andere Branchen abwandern würden (man lese nach bei Adam Smith.)

Bonus-Malus-System

Es ist klar, dass das keine wünschenswerte Situation sein kann, weil dann die Arbeiter/innen im Arbeitslosigkeitsfall auf sich allein gestellt wären. Die Arbeitslosenversicherung ändert das Bild, indem die Allgemeinheit, sprich Beitrags- und Steuerzahler die Kosten der Arbeitslosigkeit übernehmen.

Eine neue Studie der IHS-Ökonomin Andrea Weber über Arbeitskräfte, die zwischen Saisonjobs und dauerhaften Anstellungen "pendeln", bestätigt diese These: Dass die Lohnprämien, die in den Saisonbetrieben ohne Arbeitslosenversicherung anfielen, für die gleichen Arbeiter zur Gänze von der Versicherung getragen werden (die Löhne für Saisonarbeiter sind vergleichsweise um etwa den Beitrag für die Arbeitslosenversicherung niedriger) weist auf eine beträchtliche Subventionierung dieser Branchen hin.

Die Einführung eines Bonus-Malus-Systems, wie das bereits viele Länder (insbesondere die USA) vorexerzieren, könnte das Problem beheben: Dabei variieren die Beiträge der Unternehmen (wäre aber auch für jene der Beschäftigten denkbar) - je nach den in der Vergangenheit verursachten Kosten: Wie viele Beschäftigte verloren im letzten Jahr in dieser Firma ihren Job und wie lange waren sie arbeitslos?

Was wären die Folgen eines solchen Systems? Weniger Kündigungen, mehr Druck auf Verhandlungen über Jahresarbeitszeitsysteme, Schrumpfen des ineffizient hohen Saisonsektors. Aber auch: geringere Steuern für Wachstumsbranchen mit fixen Dauerjobs, wo es viel On-the-job-Training gibt.

Kurzum: Es wird Zeit, die Arbeitslosenversicherung beim Wort zu nehmen. Alle Versicherungen erzeugen Anreizprobleme, die zu Missbrauch und überhöhten Kosten führen. In der Kranken-und Haftpflichtversicherung diskutiert man diese schon seit Längerem, in der Arbeitslosenversicherung sollte es genauso sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.03.2005)

Der Autor ist Professor für Arbeits­markt­ökonomie an derUniversität, Linz und am Institut für Höhere Studien in Wien.
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