Zieleinlauf der Altfregatte

15. März 2005, 19:44
posten

Abschiedsschmerzen: Thomas Bernhards "Am Ziel" im Theater Gruppe 80

Wien - In Thomas Bernhards Am Ziel ersetzt die Suada einer gewissenlosen Mutter das sonst bei diesem Autor notorische Schielen auf die - naturgemäß manischen - Großvaterreden so genannter Weltverdammungsgreise. Die verwitwete Gusswerksbesitzergemahlin (Helga Illich), die ihre Tochter (Gabriela Hütter) als Bediente hält, überzieht das in ihrem Bann stehende, Rohrkoffer-packende Geschöpf aus Anlass der alljährlichen Übersiedlung in die Sommerfrische mit einem Schwall monomanischer Reden.

Im Theater Gruppe 80, wo Carlo Tommasi noch einmal eine Großbürgergruft gebaut hat, eine Art freiwilliges Frauengefängnis mit porentief sauberem Entsagungsflair, juchzt sich die thronende Alte in einen malmenden, steinalten, auch stark jüngferlich getönten Cognac-Übermut.

Bernhards Monologflächen schiebt sie wie Wortkulissen vor ihre Lebensruinen. Nur leider frönt Illich dabei einer gewissen Ausdrucksarmut - gibt die fidel schlingernde Entbehrungsfregatte auf spiegelglatter See. Wirft die Ungeheuerlichkeiten eines vorsätzlich verpfuschten Lebens wie Enterhaken in Richtung ihrer Tochter (Gabriela Hütter), die sich rechtschaffen langsam mit dem Zusammenlegen ihrer Sommergarderobe plagt. Der infame Wettstreit zweier aneinander geketteter Bestien wird flauschweich entsorgt.

Regisseur Helmut Wiesner lauscht verzückt den Auslassungen seiner Prinzipalin - und wirklich handelt es sich ja auch um eine kreuzbrave Gumpendorfer Abschiedssymphonie, die schmerzlich daran erinnert, dass Bernhards denunzierende Aufsteigerträume von Schandbildern eines verkorksten Wohllebens erzählen, dem sich Bernhard mit der wahren Inbrunst des Dichtungsparvenüs verpflichtete. Mit der Folge, dass daraus Weltliteratur entstand.
Am Ziel, dieses tief abendgerötete Andante, verschmilzt im zweiten Bild mit der Brandung des Seebads - wo Peter Strauss als mitgereister "dramatischer Schriftsteller" den sportiven Poseur gibt, der das Werben der Grazien mit der erheiternden Nonchalance des gespreizten Gockels über sich ergehen lässt: ein Hahn am Lebensmist. Er wird im Haus der Damen überwintern. Illich/Wiesner müssen gehen. Nehmt alles nur in allem: Man möchte sie wiedersehen! (DER STANDARD, Printausgabe, 16.03.2005)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: gruppe 80
Share if you care.