Berliner Rampensauhatz

15. März 2005, 19:31
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Tanztheater, das von Pro Sieben und anderen "Privaten" gesponsert werden könnte: "Big in Bombay" im Wiener Schauspielhaus

Wien - Die 35-jährige Choreografin Constanza Macras ist nicht nur der ultimative Berliner Hype in der zyklisch wiederkehrenden Wiederaufwärmphase des deutschen Tanztheaters. Ihr jüngstes Stück Big in Bombay, das, lanciert von ImPulsTanz, zurzeit noch im Wiener Schauspielhaus erlebt werden kann, füllt tatsächlich eine Leerstelle. Denn die Retrowelle, auf der die Große-Sause-Stimmung der 80er-Jahre inmitten des zeitgenössischen Neofatalismus mit Getöse anrollt, hat jetzt auch den Gegenwartstanz erfasst - und Macras surft dabei an vorderster Front.

Jahrelang wurde in Berlin eine reichlich mediokre Choreografin wie Sasha Waltz zu einer zweiten Pina Bausch aufgedonnert, und nun erreicht Macras den Status einer Hyper-Sasha. Big in Bombay könnte von RTL, Pro Sieben und Sat 1 mit freundlicher Unterstützung von Arte koproduziert worden sein. Ein schrilles, überfülltes Event mit vorgeblich linksliberalen, im Grunde aber pottkonservativen Allüren. Dafür wurde allerlei Aktuelles hineinstopft: Sex und Terrorismus, Musical und Akrobatik, Turbotanz und Splattertheater, Exotismus und Genderspielchen. Gesellschaftskritik erscheint ganz in den Vordergrund gekleistert und so lustig, dass am Ende alles nicht so schlimm aussieht.

Fade Kulturmixtur

Zweieinhalb Stunden lang mühen sich die Tänzerinnen und Sänger, Schauspieler und Musiker - alles in Personalunion - nach Kräften ab. Die desaströs auf Dumpingeffekte getrimmte Dramaturgie von Carmen Mehnert knallt die teils wirklich fabelhaften Darsteller buchstäblich an die Wand. Das ist ein bisschen traurig, vor allem, wenn eine so talentierte Tänzerin in der Company mitwirkt wie Jo Stone, die auch noch hinreißend singt.

Macras und Mehnert ist das egal. Sie machen aus allen Ansätzen in dem Stück beinhart ein fettes Faschiertes. Nichts an Big in Bombay ist original, geschweige denn originell. Doch selbst das könnte ein ganz wunderbares Konzept sein: stehlen und vermischen, was das Zeug hält, von Film und Musical, aus einer endlos scheinenden Liste von älteren Tanz- und Theaterstücken, aus dem Fernsehen und vom Kabarett. Doch man muss das schon auch ein bisschen können, damit es wirkt.

Hinter der pseudokritischen Spaßorgie steckt eine tiefe Humorlosigkeit, hinter dem affektierten Kulturmix banalster Globalisierungskitsch und hinter dem energiespritzenden Remmidemmi eine inbrünstige Geltungssucht. Bedauerlich ist, dass der neue deutsche Schenkelklopfertanz auf so tiefem Niveau daherkommt.

Dass es mit Theaterelementen - unter anderem wirkt Schauspielstar Anne Tismer als Krückenträgerin mit - und Action auch besser geht, zeigen der Belgier Sidi Larbi Cherkaoui genauso wie die Isländerin Erna Omarsdottir. Constanza Macras und Carmen Mehnert hingegen haben nicht mehr zustande gebracht als eine retardierte, zynische Rampensauhatz. Kein Zweifel, dass dieser Schuss in den Ofen wie ein Ballermann-Böller durch zahlreiche Festivals krachen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.03.2005)

Von Helmut Ploebst
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    foto: mangafas/schauspielhaus wien
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