Hilfe nährte Verschwörungstheorie

2. Mai 2005, 12:07

Österreichs Wohlwollen für Kroatien hat eine lange Tradition

Österreich vertrete "absolut die Notwendigkeit, mit Kroatien Beitrittsverhandlungen zu beginnen": Mit diesen Worten machte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Dienstag nach dem Ministerrat klar, dass Wien am Termin 17. März auch für den Fall festhält, dass Ante Gotovina bis zu diesem Zeitpunkt nicht dem Haager UN-Tribunal zur Verfügung steht. Kroatien habe "große Anstrengungen gemacht, mit den Vorstellungen der Europäischen Union zu kooperieren".Er hoffe jedenfalls sehr, "dass die Außenminister die Perspektive im gesamten Westbalkan sehen ... und man nicht eine falsche Entscheidung trifft".

Das Argument, die EU würde mit einem Nachgeben im Fall Gotovina etwa gegenüber Serbien den Eindruck erwecken, mit zweierlei Maß zu messen, wollte Schüssel nicht gelten lassen: "Wenn ein Verdächtiger nicht in dem Land ist, wo die Regierung gefordert ist – wie wollen Sie dann die Bedingung erfüllen?"

Die starke Unterstützung Wiens für Zagreb steht in einer langen Tradition guter Beziehungen, die bis in die Monarchie zurückreicht. Manche älteren Kroaten geben noch heute Erzählungen ihrer Eltern wieder, wonach die Verwaltung nie so gut funktioniert habe wie damals.

Beim Ausbruch der Kriege, die zum Zerfall Tito-Jugoslawiens führten, traten Österreich und Deutschland von Anfang an für eine schnelle Anerkennung Kroatiens und Sloweniens ein. Vor allem Außenminister Alois Mock engagierte sich dafür, was ihm einen prominenten Platz in Verschwörungstheorien sicherte, die von serbischer Seite mit starker Resonanz in Frankreich und England lanciert wurden: Demnach habe eine "Achse" Wien–Berlin–Vatikan gezielt auf den Zerfall Jugoslawiens hingearbeitet. Allein der zeitliche Ablauf der Ereignisse führt diese These ad absurdum.

Nach der Unabhängigkeit Kroatiens begab sich Wien auf eine mitunter heikle Gratwanderung zwischen Unterstützung der europäischen Integration des Landes und Distanz zum autoritären Tudjman-Regime. Gleichzeitig betrieb Österreich erfolgreich die Normalisierung mit Serbien und ist heute geschätzter Gesprächspartner und oft auch erwünschter Vermittler in ganz Südosteuropa – einer der wenigen allgemein anerkannten Erfolge der österreichischen Außenpolitik. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3.2005)

Aufgrund der großen Anzahl an hetzerischen Postings sieht sich derStandard.at/Politik gezwungen, zu diesem Artikel ausnahmsweise keine Postings zuzulassen.
Share if you care.