Chefarztpflicht in Chaosgefahr - mit Kommentar

20. April 2005, 16:12
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Ärztekammerpräsident fordert vom Hauptverband Änderungen

Wien - Reiner Brettenthaler setzt auf Prophylaxe. Besser vorbeugen als dann wieder ein akutes Chaos behandeln müssen, lautet das Rezept des Ärztekammerpräsidenten. Der Patient ist wieder einmal die ungeliebte Chefarztpflicht. "Die jetzige Regelung hat noch immer sehr viele Schwächen, die sich täglich zeigen. Aber wenn der Hauptverband nicht bis zum Regelbetrieb mit der E-Card einige Hausaufgaben erledigt, haben wir bald das nächste Chaos", formuliert Brettenthaler im STANDARD-Gespräch "einen Hilferuf von Ärzten und Patienten".

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger müsse vor der Einführung des "ABS", des autonomen Bewilligungssystems, das "Heilmittelverzeichnis grundlegend überarbeiten" - so, dass die Zahl der Vorabbewilligungen für Medikamente von derzeit fünf Millionen auf eine Million abgesenkt werde, fordert der Ärztevertreter.

Er selbst sei in seiner Praxis immer wieder mit "unhaltbaren Zuständen" konfrontiert, dann etwa, wenn eine Patientin mit einem Multiple-Sklerose-Schub auf Anordnung des Spitals bei ihm Infusionen wolle, die aber von der Kasse nicht mehr erstattet werden. Das sei unzumutbar.

Aus der Gebietskrankenkasse Wien berichtet Sprecher Jan Pazourek von einer "entspannteren Situation, auch wenn keiner wirklich glücklich ist mit dem neuen Erstattungskodex. Aber wir haben uns mit der Ärztekammer Wien auf einen liberalen Übergangsmodus geeinigt, weil wir wollen, dass es dann wirklich funktioniert".

Laut einer Untersuchung des Hauptverbandes erhalten übrigens rund 52 Prozent der Patienten, bei denen die Anträge auf Kostenübernahme eines Medikamentes abgelehnt wurden, dieses dann doch noch. Der Grund für die Ablehnung liegt laut Autor Gottfried Endel vor allem in der mangelnden Begründung des Antrages durch die Ärzte.

Anders sieht das die Pharmig, der Verband der pharmazeutischen Industrie. Viele Patienten würden sich chefarztpflichtige Medikamente gleich selber kaufen, weil sie den bis zu drei Wochen dauernden Bewilligungsmarathon via Fax nicht auf sich nehmen wollen. Andere sähen sich mit einer für sie teuren Neuerung konfrontiert: Im Zuge der Neuordnung des Kodex fielen viele Arzneien aus der Erstattung ganz heraus.

Viagra und Mistel

Der Hauptverband sagt, es handle sich bei den rausgefallenen Arzneien um Mittel wie die Pille oder Viagra. Diese machen aber nur einen kleinen Teil aus; der große Rest betreffe zehntausende Patienten, die sich diese Präparate nun selbst zahlen müssen, "was sich viele aber nicht leisten können", so die Pharmig.

Beispiele für solche Arzneimittel: Mistelextrakt-Präparate, die zur Unterstützung bei Chemo- und Strahlentherapie im Zuge einer Krebserkrankung verwendet werden (betroffen sind rund 10.000 Patienten) oder eine Reihe von Präparaten für Allergiker (rund 50.000 Österreicher betroffen); Arthrosemittel wie die Spritzampullen Hyalgan.

Ziel der Neuordnung des Erstattungskodex war, die Ärzte mit sanftem Druck zum Verschreiben billigerer Generika statt teurer Originalprodukte zu bringen. (Lisa Nimmervoll, Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 16.3.2005)

  • Die Ärztekammer droht mit Aufstand gegen die Chefarztpflicht
    montage: derstandard.at

    Die Ärztekammer droht mit Aufstand gegen die Chefarztpflicht

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