Bettlerverfolgung

16. März 2005, 16:32
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Als der gerade noch lahme Bettler vor uns plötzlich nur halb so wild hinkte, sind wir neugierig geworden...

Es war am Samstag. Aber geplant hatten wir die Sache nicht. Doch als der gerade noch lahme Bettler vor uns plötzlich nur halb so wild hinkte und der andere seine Krücke hinter sich her schleifte, sind wir neugierig geworden. Und ihnen ein bisserl nachgegangen.

Schuld war das Fernsehen. Ein paar Tage davor waren A. und ich bei einem deutschen Krimi hängen geblieben. Der Plott baute auf organisierter Bettelei auf. Und damit das Drehbuch politisch korrekt war, war der Hintermann ein "echter" Deutscher. Geschenkt. A. jedenfalls saß neben mir und sagte, dass ich Opfer meiner eigenen Vorurteile sei, wenn ich glaubte, dass das auch in Wien so liefe. Und manche Bettler nach einem Masterplan verteilt aufgestellt würden.

Schräglage

Am Samstag hinkte uns dann einer von den Männern auf Krücken, die "Bitte" schreiend in Schräglage den Gehsteig raumgreifend nutzen, mehrfach über den Weg. Ich verzog die Miene, als A. ihm eine Münze zusteckte. A. tobte: So wirklich im Wohlstand schwelge der Mann ja sicher nicht.

Später, wir trotteten die Straße bergan, ging der Bettler vor uns. Dass er nun in die andere Richtung schräg hinkte, fiel mir erst auf, als ich mich ärgerte, weil wir aufgrund des Passantenstromes der uns entgegenkam, nicht vorbei kamen. Außerdem gesellte sich ein zweiter Hinkebettler dazu. Als sie an einem Rollstuhlbettler vorbei kamen, gab einer der beiden dem Rollstuhl einen Stoß mit der Krücke: "Du morgen weg. Sonst Problem", pfauchte er.

Wundersame Heilung

Dann zweigten sie ab. Zufällig dort, wo auch wir abbiegen wollten. Plötzlich hinkten beide deutlich schwächer – und gingen fast in normalem Tempo. Der, der Stunden zuvor seitenverkehrt gehatscht war, ging ganz gerade. O-beinig, aber hinkefrei. Er schulterte seine Krücke. Dann stiegen die beiden in einen alten VW-Bus, in dem schon eine Frau mit Kind am Schoß und ein anderer Mann saßen. Wie im blöden TV-Krimi. Oder fast: Das Kennzeichen war nicht von hierzulande.

A. fuhr mich an: Ich solle aufhören, so triumphierend zu grinsen. Und auch wenn sie sich jetzt ärgere, ihre 50 Cent dem Falschen gegeben zu haben, könne man nicht sagen, dass alle Bettler Betrüger seien. Ich verkniff mir die Antwort: Dass ich das so weder gesagt noch gemeint hatte, wollte A. jetzt nicht hören. Schon gar nicht, dass es vielleicht auch am Totschweigen solcher Ärgernisse liegt, dass genau die, die absichtlich und ausschließlich pauschalieren, diese Themen aufgreifen und besetzt halten können.

Montagmittag war der hinkende Bettler wieder an seinem Standort. Vom Rollstuhlbettler war nichts zu sehen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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