Begrenzte Möglichkeiten

14. März 2005, 20:36
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Das türkische Arthouse-Kino ist seit geraumer Zeit auf Festivals präsent: Reihe "Blickwechsel: In naher Ferne"

Ein Diagonale-Spezialprogramm präsentiert acht Independent-Filme aus der Türkei.


Obwohl die Glanzzeit des türkischen Kinos der Vergangenheit angehört und die Zeiten, in denen die türkische Filmindustrie mit bis zu 300 Produktionen im Jahr aufwarten konnte, längst vorbei sind, gibt es seit Mitte der 90er-Jahre eine auffällige Renaissance zu beobachten: Zwar sind die Produktionszahlen nach wie vor verschwindend gering, doch der nationale und internationale Erfolg der knapp 15 Filme, die seit geraumer Zeit jährlich produziert werden, geben zu einigem Optimismus Anlass.

Eine neue Generation von Regisseuren wie etwa Nuri Bilge Ceylan (Uzak) oder Zeki Demirkubuz (Waiting Room) macht seit einiger Zeit von sich Reden, und türkisches Arthouse-Kino ist mittlerweile fester Bestandteil internationaler Filmfestivals. Die Diagonale zollt dieser Entwicklung Tribut und übertrug die Auswahl diverser, allerdings nicht mehr ganz neuer Produktionen der Istanbuler Filmtheoretikerin Alin Tasçiyan. Die Filmreihe versteht sich als Anlass zur Spurensuche abseits eines "vertrauten Produktionskontextes", wobei sich die Frage aufdrängt, inwieweit man in Westeuropa bisher überhaupt mit türkischer Kinematographie vertraut werden konnte.

Die Reihe möchte eine möglichst große Bandbreite abdecken: Einem Spielfilm stehen zwei Dokumentar- und fünf Kurzfilme gegenüber, als Schauplatz fungiert die zypriotische Küste ebenso wie die ostanatolische Hochebene. Außer dem gemeinsamen - und heterogenen - Herkunftsland zeigen sich kaum Gemeinsamkeiten, wodurch der Auswahl etwas Beliebiges anhaftet, sieht man von allgemein gehaltenen Begriffen wie "Neuerfahrung" oder "Sprach-und Bilderwerb" (Katalog) einmal ab.

Unlängst sprach der türkische Filmpublizist Attila Dorsay vom "Tabu des kurdischen Problems" und der Angst der Türkei vor der Desintegration und dem Verlust der staatlichen Einheit. Dieses Problem scheint jedoch gerade in den ausgewählten Arbeiten, die sich den Hochregionen des Ostens widmen, nicht existent:

In der Videodokumentation Sirtlardindaki Hayat/Life on Their Shoulders besucht Regisseurin Yesim Ustaoglu (Reise zur Sonne) Frauen in einem Dorf am Schwarzen Meer, die mit dem Weidevieh in die Gebirgsregionen ziehen, wo ihnen das Leben auf den Schlamm bedeckten Pfaden buchstäblich zur Last wird. Doch von Krankheiten und Abnutzungserscheinungen, von denen die Frauen zwischendurch berichten, ist weniger zu sehen als vom stimmungsvollen Wechselspiel der Witterungen.

Während sich der einzige Spielfilm der Reihe, Hiçbiryerde/Innowhereland (2001), mit der Geschichte einer verzweifelten Mutter aus Istanbul auf der Suche nach ihrem Sohn beschäftigt und damit auf das Verschwinden der unzähligen für das politische Regime Unliebsamen hinweist, besucht Kazim Öz mit Dûr-Uzak/ Far Away sein ehemaliges Heimatdorf in Ostanatolien. Die Jungen sind zum größten Teil verschwunden, haben sich Arbeit in Deutschland oder der Schweiz gesucht, geblieben sind die Alten, die die Abwanderung weder verstehen noch verkraften. Öz befragt die Daheimgebliebenen und die Abgewanderten und entwirft ein Soziogramm des Dorfes, das gerade aufgrund der vielen Erzählungen dann am eindringlichsten funktioniert, wenn die sprechenden Gesichter ausnahmsweise schweigen. (DER DIAGONALE STANDARD, Printausgabe, 15.03.2005)

von Michael Pekler

Vorführungen: Di, KIZ, 16.00; Do & Fr, Schubert 2, 16.00; Sa, Schubert 2, 13.30
  • Kazim Öz besucht in "Dûr-Uzak/Far Away" sein Heimatdorf in Ostanatolien, geblieben sind dort vor allem die Alten.
    foto: diagonale

    Kazim Öz besucht in "Dûr-Uzak/Far Away" sein Heimatdorf in Ostanatolien, geblieben sind dort vor allem die Alten.

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