Ewiges Spiel des Begehrens

14. März 2005, 20:20
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"Eros/Ekstasen/Exil" - SYNEMA präsentiert Filme von Gustav Machaty

Gustav Machaty war Filmemacher in einer Zeit, als eine "Verbindung nach London" die österreichischen Kapitalisten noch in Aufregung versetzte. Nervös rutschen sie auf Fauteuils herum, während sich der einzige "Mann von Welt" zu einer kleinen Führerrede aufschwingt: "Jetzt, in diesem Augenblick, knapp vor dem Sieg, gibt es nur eines: Nerven bewahren."

Es geht um ein Geschäft, nicht um einen Krieg, aber diese Unterschiede begannen schon zu verschwimmen, als Nocturno herauskam: 1934 drehte Gustav Machaty in Wien dieses "Spiel von Menschen zu Menschen". Der Name des Geschäftsmannes ist Gordon. Der Name des Schauspielers lautet Anton Pointner. Zwischen diesen beiden Namen gibt es eine Dissonanz, die keine Verbindung nach London - oder Hollywood - beseitigen kann.

Machaty versuchte es trotzdem. Er dachte immer international, hatte aber einen Blick für Details, der ihn unwillkürlich lokale Besonderheiten sehen ließ. Weil er viel unterwegs war, haben auch seine Filme eine Qualität des Ruhelosen - sie geben sich mit ihren Bedingungen so nicht zufrieden, wie auch die Protagonisten das Weite suchen.

Meistens bekommt ihnen das nicht gut, aber das Wagnis ist es immer wert. Nocturno beginnt mit einem Tiger, der in seinem Käfig hin- und herläuft. Eine Frau beobachtet ihn so, als blickte sie in einen Spiegel. Sie hat einen Ehemann, einen reizenden Sohn mti dem Spitznamen "Dreamy", ein Heim, einen Hund. Sie hat aber auch einen Geliebten, eben diesen Gordon, dessen Verbindungen nach London sie so faszinieren, dass sie ihm folgt und StoppSchilder nicht mehr beachtet.

Visuelles Erzählen

Machaty hatte sich aus dem Stummfilm das visuelle Erzählen bewahrt - Straßenkreuzungen und Eisenbahnweichen sind die deutlichsten Zeichen für die Konflikte in seinen Filmen. In Erotikon (1929) übernachtet ein Mann aus der Stadt in einem Bahnwärterhaus. Er verführt das Mädchen, genauer gesagt: Er lässt sich mit ihr auf etwas ein, das Machaty so sensualistisch montiert, dass es aussieht, als verkehrten hier zwei Träume miteinander.

Erotikon entwickelt sich später zu einem Mondändrama - in diesem Beginn aber ist Machaty nahe am avantgardistischen Film. In Ekstase (1933), mit der notorischen Nacktszene von Hedy Kiesler (später: Lamarr), zeigte Machaty die weibliche Sexualität so direkt wie möglich - nicht als Überschuss, wie es das amerikanische Kino herausbildete, das den Orgasmus als eine Energiequelle begriff, und ihn deswegen voraussetzen konnte. Machaty wollte die Lust selbst zeigen, wusste aber auch, dass das allein für eine Geschichte nicht reicht.

Zwei Jahre davor hatte er noch in Prag einen Film über zwei Sekretärinnen gedreht, die Von Samstag auf Sonntag etwas erleben wollen. Der Mann von Welt heißt hier Ervin, der Mann fürs Herz heißt Karel. Zwischen diesen beiden Formen des Begehrens gilt es jeweils zu vermitteln. In Nocturno verlässt die Frau die Familie, weil sie nicht sehen kann, dass sie für den Kapitalisten ungefähr so wichtig ist wie der Schmetterling auf dem Kühler, für den Machaty zwischen Liebesschwüren eine Großaufnahme übrig hat.

Aber nicht diese Entscheidung allein prägt den Film, sondern wie Machaty die verschiedenen Geschichten und ihr melodramatisches Potenzial miteinander vermittelt - nur die Stimmungen sind in diesem Film sentimental, die Montage ist modern, weil sie die Gesellschaft durchlässiger macht, als es die Klassenverhältnisse zulassen würden.

1936 emigrierte Machaty, der 1901 in Prag geboren worden war, in die USA und suchte in Hollywood ein Auskommen. Als Regisseur vermochte er sich nicht so richtig zu etabieren. 1945 entsteht allerdings für das kleine Studio Republic ein Drama, in dem er noch einmal die Frau, die ihrem Begehren folgt, in den Mittelpunkt stellt: Jealousy.

Unstete Lust

Ein aus Prag vertriebener Schriftsteller verliert seine Frau an einen Arzt. Seine Eifersucht erweist sich jedoch als weniger gewichtig als die einer Rivalin, die es auch auf den Arzt abgesehen hat. Für die "comedies of remarriage", die im US-Studiokino so bedeutend wurden, war Machaty nicht zu haben. Dazu war sein Bildungsweg zu unstet, seine Karriere zu diskontinuierlich - auch in seinen Filmen will die Lust immer Ewigkeit, wählt dafür aber fast immer die falsche Verbindung. (DER DIAGONALE STANDARD, Printausgabe, 15.03.2005)

Von
Bert Rebhandl

Di-Sa im KIZ, 13.30; Präsentation des Buches "Gustav Machaty. Ein Filmregisseur zwischen Prag und Hollywood", Di, KIZ, 13.30; "Ekstase" mit Livemusik, Do, Royal, 21.00
  • Hollywood, 1945: Ein Mann zwischen zwei Frauen, eine Frau zwischen zwei Männern - ",Jealousy' ist Machatys amerikanische Ekstase." (Frieda Grafe)
    foto: bfi

    Hollywood, 1945: Ein Mann zwischen zwei Frauen, eine Frau zwischen zwei Männern - ",Jealousy' ist Machatys amerikanische Ekstase." (Frieda Grafe)

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