Naiver Stoff in neuer Hülle

14. März 2005, 22:05
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Drall, oral, aber nicht schal: Russ-Meyer-Operette "Pussycats!" - Eine Uraufführung

Linz - "Zur Hölle mit der Kunst, runter mit den Blusen!" - Russ Meyers bekannte Vorliebe für das, was so mächtig wie möglich darunter liegt, erlebte die Fangemeinde der 60er und 70er Jahre in Form grotesk-parodistischer Sex & Crime-Geschichten, wilder Kameraführung und rasanter Schnitte. Am besten vielleicht im Film Faster, Pussycat, Kill! Kill! (1966). Schon jahrelang spielte Peter Androsch mit dem Gedanken, sich dieses naiv-eintönigen Stoffes anzunehmen und ihn noch einmal ironisch zu verdrehen.

Nun exhumierte er mit Silke Dörner (Text) die Story, schleuste den vor einem halben Jahr verstorbenen Obermacho Meyer selbst in die Handlung ein, machte ihn zum Opfer seiner eigenen Mord(s)weiber und ließ die Apokalypse schließlich versöhnlich enden, wie es sich für eine zünftige Opera buffa gehört: Der alte Russ erwacht von einem Alptraum, in dem Erinnerungen, Filme, Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen. Er wiederholt den Prolog. Dazwischen lag ein Fegefeuer für den Brüste-Lüstling. Wäre er das nicht gewesen, meint er, hätte ein Genie aus ihm werden können.

Peter Androsch ging mit Pussycats! "back to the roots" und flocht aus musikalischen Einflüssen eine schlanke, klanglich dennoch vielfältig schillernde Folge aus Songs und Instrumentaleinschüben, die durch übergreifende thematische Verbindungen in minimalistisch dominierter Form zusammengehalten werden. Die raffinierte Instrumentierung - präpariertes Klavier, Akkordeon, Klarinette, Bassklarinette und E-Bass - ermöglicht orchestrale Breite für Weill-, Eisler-, Country-, Chanson- und manch andere Reminiszenzen.

Regisseur Harald Gebhartl goss die Story in die Form der künstlichen, rosaroten und hellblauen Welt der Barbies und Kens, macht somit die Parallelität von schönem Schein und realer Gewalt in der Zeit und in den Filmen auf der Trümmerbühne mit Zapfsäule für Körpersäfte (Peter Stangl) deutlich. Das mordende Chefweib Varla (Ingrid Höller) birst vor aggressiver Coolness, die Rebellin-Tussie-Mischung Billie (Maxi Blaha) lässt Barbie mechanisches Ballett tanzen.

Gut auch die beiden Sängerrollen: Linda, die romantische Provinztante (Christiane Zollhauser), und der Retter Kirk (Gerhard Reiterer). Helmut Fröhlich überzeugt als Russ. Bravourös das aus vier Studentinnen der Anton Bruckner-Privatuniversität bestehende Frauenorchester - das Rückgrat der Produktion. (DER DIAGONALE STANDARD, Printausgabe, 15.03.2005)

Von Reinhard Kannonier

Theater Phönix
4020 Linz, Wiener Straße 25
19 Uhr
  • Artikelbild
    foto: phönix
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