Was man weiß, aber nicht glauben kann

13. März 2005, 21:08
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Fatale Dynamiken der Globalisierung zeigt Hubert Saupers "Darwin's Nightmare" - der österreichische Regisseur im Interview

Anhand des Handels mit dem Viktoriabarsch zeigt Hubert Saupers Dokumentarfilm Darwin's Nightmare fatale Dynamiken der Globalisierung auf: Fischfilets für Europa - Hunger, Armut und Waffen für Afrika. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch.


STANDARD: Der US-Kulturtheoretiker Mike Davis führt in seinem Buch Die Geburt der Dritten Welt die Hungerkatastrophe im Afrika des 19. Jahrhunderts auf die ökonomischen Interessen der Kolonialmächte zurück. Sie erzählen in Ihrem Film von einer Fischart, die im Viktoriasee ausgesetzt wurde und das dortige Ökosystem bedroht - dies scheint ein jüngeres Beispiel für eine ähnliche Logik zu sein.

Sauper: Es gibt zwar auch natürliche Katastrophen - aber solche wie in Tansania könnte man verhindern, wenn man ihre ökonomischen Hintergründe begreifen würde. Das trifft den Kern der Problematik, die man mit dem überlasteten Begriff der Globalisierung zu fassen versucht. Sie ist zu groß, um vorstellbar zu sein. Ich habe dieses Thema aufgegriffen, weil es eines der wenigen ist, die es wert sind, "exportiert" zu werden. Es geht dabei um viel mehr als um Gerechtigkeit - es geht um die Dechiffrierung einer ungeheuren Dummheit, die darin besteht, Ressourcen maßlos auszubeuten.

Die Themen sind nicht völlig neu. Vielmehr sind sie so bekannt, dass sie kulturell schon wieder akzeptiert werden. Ich wollte nun Argumente in einer Form bündeln, ein Bild dafür erhalten.

STANDARD: Sie gehen also von einem Mangel an nachhaltigen Bildern über diese Katastrophe in Afrika aus. Weil sich Medien fast nur noch an Ausnahmeerscheinungen - wie etwa der Flutkatastrophe - orientieren?

Sauper: Ja, aber die Katastrophe betrifft nicht nur Afrika, sie sitzt auch in unseren Hirnen fest. Sie bewegt sich selbst wie eine Welle, breitet sich überallhin aus. Meine Arbeit besteht darin, aktiv Zusammenhänge zu suchen. Eine der Dynamiken dabei ist, dass man viel mehr findet, als man ursprünglich gesucht hat. Wenn man wissen will, wie Aids, das Dasein der Straßenkinder und der Viktoriabarsch zusammenhängen, dringt man in einen ewigen Kreislauf ein: Man erfährt etwa, dass die Kinder ihre Drogen aus dem Verpackungsmaterial des Fisches herstellen.

STANDARD: Wie geht man filmisch gegen diesen Kreislauf vor? Kisangani Diary, Ihr erster Film in Afrika, erzählt ja noch von einer persönlichen Überwältigung. Darwin's Nightmare deckt dagegen auf.

Sauper: Ich sehe meine Arbeit weniger im Aufdecken als im Entdecken. Was Kisangani betrifft: Der Film ist im Krieg gedreht worden - und die Kamera hat mehr aufgenommen, als ich begreifen konnte. Im Schnitt habe ich entschieden, viele Informationen herauszunehmen. Was ich gelassen habe, ist meine Sprachlosigkeit und Angst. Als Autor ist man auch damit konfrontiert, was man fühlt.

STANDARD: Inwiefern hat sich diese eher subjektive Methode nun geändert?

Sauper: Im Prinzip gar nicht. Die Methode ist eigentlich die gleiche geblieben. Die Komplexität rührt daher, dass ich viel mehr Geld und Zeit zur Verfügung hatte. Ich wurde öfters gefragt, ob ich die Waffengeschäfte erst nach und nach entdeckt hätte. Ich habe natürlich vorher davon gewusst.

STANDARD: Das verschweigt der Film ja auch nicht.

Sauper: Für Sie vielleicht nicht, aber andere denken, das habe sich ergeben. Der Film ist eine Art Übersetzung meiner eigenen, inneren Entwicklung. Es geht um Umstände, die man weiß, aber nicht glauben kann. Es ist wie bei jemandem, der krank ist, sich aber gesund fühlt. Und dann kommt der Arzt und zeigt ihm ein Röntgenbild. Man braucht das Bild, das Evidenz erzeugt.

STANDARD: Stößt man dabei nicht bald auch auf persönliche Grenzen?

Sauper: Es gab dieses seltsame Phänomen: Nachdem wir mit einem ukrainischen Piloten bereits zwei Jahre unterwegs waren, sind mein Begleiter Sandor und ich auf diesen Moment gestoßen, an dem wir uns gesagt haben: "Jetzt haben wir die Falschen erwischt." Wir haben die Piloten schon derart gut gekannt, dass wir nicht mehr glauben konnten, dass sie Waffen transportieren - oder mit 13-jährigen afrikanischen Mädchen Sex haben. Da ist man dann mit der eigenen Naivität konfrontiert, die man als Schutzmechanismus vielleicht haben muss. Man wird selbst zum Opfer des Nichtglaubenkönnens. Solche Augenblicke des Zweifels haben wir versucht, im Film zu bewahren.

STANDARD: Aber wie löst man diese Diskrepanz zwischen einer Suche nach Evidenz und der Nähe des Blicks auf? Wann kommt die Ethik ins Spiel?

Sauper: Die Ethik ist in jedem Moment im Spiel. Man weiß: Das Interview mit dem Piloten kann ihn den Job kosten. Wenn dem so ist, dann soll es so sein. Es geht schließlich um ungleiche Verhältnisse - sein Job bringt Menschen um. Es gibt keine uneingeschränkte politische Korrektheit, sonst könnte man kein Straßenkind filmen. Wenn man sich jedoch zur Aufgabe stellt, die Welt genau zu betrachten, dann muss man eben hinsehen - und filmen, wie jemand stirbt, wie in Kisangani Diary.

STANDARD: Suchen Sie deshalb diese Intimität in den Bildern, diese haptischen Momente?

Sauper: Es kommt letztlich darauf an, was man machen will. Komme ich als Missionar oder als ein denkender Mensch, der versucht, ein Bild herzustellen, das seinerseits etwas auslösen kann: Woran ich glaube, ist, dass es auf eine - wenn auch indirekte - Weise sinnvoll ist, großflächig Bewusstsein zu bilden. Nur das kann Bewegungen auslösen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2005)

  • In einer Fischfabrik in Tansania: Hier werden die Filets für den Export verarbeitet. Wo der Rest landet, zeigt Hubert Saupers Film "Darwin's Nightmare".
    foto: filmladen

    In einer Fischfabrik in Tansania: Hier werden die Filets für den Export verarbeitet. Wo der Rest landet, zeigt Hubert Saupers Film "Darwin's Nightmare".

  • Hubert Sauper wurde 1966 in Kitzbühel geboren, er studierte in Wien und Paris Filmregie. Bereits sein erster Dokumentarfilm, "Kisangani Diary", der sich mit den Genozid an Hutu-Flüchtlingen befasst, gewinnt mehrere Preise und polarisiert durch seine Schreckensbilder. Ein Publikumsgespräch mit Sauper findet am Sa, 22. 1., um ca. 23 Uhr im Gartenbaukino statt, eine Podiumsdiskussion mit dem Regisseur, Eric Frey (DER STANDARD) und der Ökonomin Cornelia Staritz am So, 16.30, im Votiv-Kino.
    foto: standard/fischer

    Hubert Sauper wurde 1966 in Kitzbühel geboren, er studierte in Wien und Paris Filmregie. Bereits sein erster Dokumentarfilm, "Kisangani Diary", der sich mit den Genozid an Hutu-Flüchtlingen befasst, gewinnt mehrere Preise und polarisiert durch seine Schreckensbilder.

    Ein Publikumsgespräch mit Sauper findet am Sa, 22. 1., um ca. 23 Uhr im Gartenbaukino statt, eine Podiumsdiskussion mit dem Regisseur, Eric Frey (DER STANDARD) und der Ökonomin Cornelia Staritz am So, 16.30, im Votiv-Kino.

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