Hochkonjunktur im Hexenkult

22. April 2005, 18:42
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Von der Magie des Alltags über Liebeszauber bis zu Geld- und Berufsritualen: Die Hexenszene feiert eine neue Renaissance

Der Esoterikmarkt boomt wie nie zuvor. Eigene Geschäfte mit einem Sammelsurium an diversesten Produkten von speziellen Ritualkerzen, Kartenlegesets, Zauberkessel, Räucherwerk, Literatur zum Thema Magie, Zauberei, Hexerei und vielem mehr schießen aus dem Boden. "Die neuen Hexen", "Magie ist keine Zauberei", "Alltags-Hexereien", "Magie - Vom bewussten Gestalten der Realität" lauten die Buchtitel, deren Inhalte von praktischen Anleitungen für den täglichen Gebrauch wie dem "Hexeneinmaleins für freche Frauen" über ernsthaftere Abhandlungen, was Weiße und Schwarze Magie sei bis zu "Erfolgsritualen für Business-Frauen" reichen und auch in allgemein geführten Buchhhandlungen ausgebreitet werden. Regelmäßig abgehaltene Esoterikmessen zeigen darüber hinaus, dass mit dem sogenannten Übersinnlichem sehr real gigantische Umsätze erzielt werden können. Doch das ist nur die eine Seite, nämlich die des Angebots, für die es also auch eine Nachfrage geben muss.

"Girlie-Hexen" und "Wicca-Covens"

Ein Mausklick ins Internet beweist es. Seit den 90er-Jahren hat sich nach Ansicht von ExpertInnen die Anzahl der Hexen-Portale, von denen ein Großteil nicht bloß der Information dient, sondern als Zirkel geführt wird, etwa vervierfacht. Dabei ist die Bandbreite der Hexenszene sehr heterogen und weit gestreut: sogenannte "Girlie-Hexen"-Gruppen sind genauso vorhanden wie klassische Wicca-Covens, die sich zumeist als Heidinnen verstehen. Während die jungen, im Schnitt 13- bis 16-jährigen Mädchen primär durch TV-Serien wie "Charmed" oder "Sabrina" und Bücher wie "Die Hexenwerkstatt" den Wunsch entwickeln, selbst Hexen zu werden, haben die erwachsenen Frauen desöfteren einen ökologischen und/oder feministischen Hintergrund. Mit "Schwarzer Magie" haben sie nach Ansicht von ExpertInnen meistens nichts zu tun. Ihr ethischer Ansatz unterscheide sich stark von demjenigen der SatanistInnen, erklärt der Sektenfachmann Hansjörg Hemminger. Die Wicca-Covens würden so etwas wie individuelles Krisenmanagement betreiben.

Modernes Hexentum

Was ist also dran an dem neuen - alten Kult? Ist dieser Hexenboom ein Modetrend, nicht weiter ernst zu nehmen, weil bald wieder abgeflaut, um von einem anderen abgelöst zu werden. Oder stellt er eine Art neuer Bewegung dar, die sich aufgrund eines Empfindens von Leere im sozialen Gefüge, einer Sinn- und Orientierungslosigkeit sowie Ohnmacht auftut und als Sinnstifterin fungiert, wo Kirchen, Sekten und Fortschrittsgläubigkeit und auch die Psychologie und Psychoanalyse schon längst versagt haben. Geht es folglich um das (Wieder)Finden von Eigenmacht, um die Möglichkeit, auf das eigene Leben mehr Einfluss zu nehmen, als vielerorts geglaubt wird.

Über/sinnliches Gestalten

Das Schicksal zu deuten und zu beeinflussen durch Kartenlegen, Pendeln, Runenziehen. Durch Liebeszauber den "richtigen Mann" zu finden oder einen bereits Auserwählten für sich zu begeistern. Gesundheit herbei zaubern, die ersehnte Wohnung mit Balkon oder den gewünschten Job. Unangenehmes von sich wegführen mittels Konzentration, Zaubersprüchen, Beschwörungen und Erwünschtes anlocken. Ist es vielleicht diese gewisse Lust an sinnlicher Gestaltung des eigenen Lebens, welche in einer rationalen Welt mit dem hohen Wert an Linearität vielen zu kurz kommt? Geht es ganz simpel um eine private Verschönerung der als vertrocknet empfundenen Gesellschaft, in welcher der Logos alles zu sein hat und dieses eindimensionale Verstehen langweilt und ernüchtert? Jedenfalls sei das Heidentum "zu einem neuen Faktor geworden, mit dem alle Religionen und politischen Kräfte rechnen müssen", ließ die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen verlautbaren. (dabu)

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    Die Hexen-Bewegung breitet sich aus...
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