"Hätte er sich umbringen wollen, wäre das schon passiert"

13. Juli 2006, 13:13
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Der Tod des Ben Habra S. aus Sicht einer Bekannten - Mutmaßliche Gewalteinflüsse bei der Festnahme

Sara M. war die Erste, mit der Ben Habra S. in Wien gesprochen hat, nach seiner Rückkehr aus zwei Jahren Gefängnishaft in Innsbruck. Und sie war die letzte Person, mit der er vom Polizeigefängnis Hernalser Gürtel aus Kontakt hatte, bevor er starb. Der Algerier war vor mehr als zwei Wochen in einer Einzelzelle im Polizeigefängnis Hernalser Gürtel tot aufgefunden worden - derStandard.at berichtete exklusiv.

Die Freilassung feiern

S. habe vor "Freude geweint", als in ihre Wohnung kam, sagt M. im Gespräch mit derStandard.at. Er wollte mit ihr seine Freilassung feiern – da M. aber zu müde war, ging er allein. Zwei Tage später, am 21. Februar, kam der nächste Anruf von S: Er sei in Schubhaft und habe fünf Nähte im Gesicht. Man habe ihn festgenommen, noch in der Nacht seiner Rückkehr aus Innsbruck. Eine „routinemäßige Personenkontrolle“, wie Günter Ecker, Leiter des für die Schubhaftbetreuung zuständige Verein Menschenrechte Österreich, meint.

Dass die Wunden im Gesicht im Zuge der Festnahme entstanden sind, bestätigt Ecker, und auch, dass S. sich dabei seinen Arm verletzt habe. So sehr, dass er nicht in der Lage war, M.s Nummer persönlich anzurufen. Seine Betreuerin musste für ihn wählen.

Zweifel

Am 22. Februar erhielt M. einen weiteren Anruf, diesmal von der Polizei. Ihr Freund S. sei tot, er habe sich mit einem Leintuch erhängt. Eine Aussage, der M. wenig abgewinnen kann: „Hätte er sich umbringen wollen, wäre das schon während seiner zweijährigen Haft passiert“. Außerdem sei S. ein gläubiger Moslem, Suizid sei ihm durch den Koran streng verboten.

"Freihungern"

Die Nachricht des Selbstmords überraschte auch Ecker. Denn der 37-jährige Algerier, der fließend Deutsch sprach, war schon fünf Mal in Schubhaft gesessen. Jedes Mal hatte er einen Hungerstreik begonnen, jedes Mal hatte man ihn deshalb nach zwei, drei Wochen freigelassen. Das hatte er auch diesmal vor: Am 20. März, einen Tag nach seiner Verhaftung, begann S. einen neuerlichen Hungerstreik. Im letzten Gespräch mit seiner Betreuerin, einer Mitarbeiterin des Vereins Menschenrechte Österreich, gab er sich zuversichtlich, auch diesmal freizukommen. Am nächsten Tag war er tot.

Keine Identifikation

S.’ Leichnam wurde bereits am Mittwoch nach Algerien überstellt – ohne, dass er vorher von Angehörigen oder BotschaftsmitarbeiterInnen identifiziert worden war, heißt es. Der Obduktionsbericht lässt jedoch immer noch auf sich warten. (Maria Sterkl)

*Name von der Red. geändert

  • Ben Habra S. starb am 22. Februar im Polizeigefängnis Hernalser Ring
    foto: privat

    Ben Habra S. starb am 22. Februar im Polizeigefängnis Hernalser Ring

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