Bücherrundschau: Unsichtbar, surreal, morbide

12. März 2005, 13:00
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Laura Lippmans "Butchers Hill", Jerome Charyns "El Bronx" und Franca Permezzas "Prosciutto di Parma"

UNSICHTBARE GRENZEN

Die Privatdetektivin Tess muss in den "schwarzen" Vierteln Baltimores ermitteln, stößt aber aufgrund ihrer weißen Hautfarbe auf null Kooperationsbereitschaft. Dabei hätte sie eigentlich gute Nachrichten. Ihr Klient, der schuldig gesprochen wurde, ein Straßenkind erschossen zu haben, will Wiedergutmachung leisten. Gleichzeitig bittet eine elegante, schwarze Geschäftsfrau Tess, ihr bei der Suche nach ihrer Tochter zu helfen. Laura Lippmans eigentliches Thema ist das immer noch schwierige Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen, der alltägliche Rassismus, das Versagen der staatlichen Jugendfürsorge, aber auch die Bemühungen um gegenseitiges Verständnis und Respekt, ein Krimi mit hohem Intelligenzquotienten (Butchers Hill, Deutsch: Hoffmann, € 20,40, Rotbuch).

SURREALE STADT

Jerome Charyn ist für Europäer ein etwas rätselhafter Autor: El Bronx (Deutsch: Bürger, € 10,20, Rotbuch) erweist sich als abgehobener, krimiartiger Text über die düsteren Seiten von New York. Der Bürgermeister hat irgendwelche, nicht nachvollziehbaren Probleme mit offenbar berühmten Basketballteams, absterbenden Stadtteilen und Undercover-Polizisten, die von Verbrechern nicht zu unterscheiden sind. Dazu kommen noch zwölfjährige Straßenkinder, erwachsen und ausgebufft wie desillusionierte 60-Jährige, die geniale Graffiti malen und von der offiziellen Kultur vereinnahmt werden sollen, Frauen mit masochistischen Vorlieben für abgedrehte Gangster, Modellflugzeuge bastelnde Unterweltbosse und frühreife Lolitas. Das alles wirkt recht surreal und lässt den Leser mehr ratlos als neugierig zurück.

MORBIDE STADT

Eine echte Contessa aus Venedig schreibt eine Paraphrase auf Donna Leons Krimis: Franca Permezza tut das mit Augenzwinkern und für einen Debütroman bemerkenswert geschickt. Ihr Commissario Trattoni, nicht mehr der Jüngste und gesundheitlich angeschlagen, wird misstrauisch, als sich Fälle von Lebensmittelvergiftung häufen. Die Spur führt zu einer Schinkenfabrik in Mestre, aber bis es so weit ist, ermittelt Trattoni im schöneren Teil Venedigs mit seinen morbiden Palazzi und grausigen Tauben. Das Personal hat Déjà-vu-Charakter: Trattonis Vorgesetzter, ein Dummkopf, die Sekretärin Elektra, ein Genie der Netz-Recherchen, und Trattonis wunderbar kochende Ehefrau. Irgendwann werden sie alle Commissario Brunetti über den Weg laufen (Prosciutto di Parma,
Deutsch: Körner, € 20,40, Europa Verlag). (i.s./ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.03.2005)

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