Geistesblitz: Eine Annäherung an die Gerechtigkeit

17. März 2005, 20:27
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Die Juristin Marianne Hilf untersucht die strafrechtliche Verantwortung von Unternehmen

Obwohl von Unternehmen und Verbänden immer wieder folgenschwere Tatbestände wie Körperverletzungen, Umweltschäden oder Wirtschaftsdelikte ausgehen, zieht dies nach österreichischem Recht für die Verursacher keinerlei strafrechtliche Konsequenzen nach sich", wundert sich Marianne Hilf (vormals Lösching-Gspandl). "Auch wenn etlichen von ihnen, da sie oft sehr viel Kapital und Personal konzentrieren, die so genannte Rechtspersönlichkeit verliehen wird."

Straftaten, die zugunsten eines Verbandes begangen werden, führten deshalb, wenn überhaupt, höchstens zur Bestrafung einzelner Mitarbeiter, ärgert sich die Rechtswissenschafterin: "Diese werden zu kleineren Geldstrafen verurteilt, die dann aus der Portokasse des Unternehmens bezahlt werden." Was niemanden zu mehr Vorsicht motiviere. Zudem müsse mehr getan werden, um den Opfern zu einer adäquaten Entschädigung zu verhelfen.

In ihrer Habilitationsschrift hat sich die 38-jährige Grazer Juristin mit dieser Situation auseinander gesetzt und Alternativen vorgeschlagen, die für die österreichische Gesetzgebung nicht ohne Folgen bleiben werden. Denn für den neuen Gesetzesentwurf zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit von rechtsfähigen Unternehmen und Verbänden wird ihre Arbeit als maßgebliche Quelle genutzt. Ihre Bemühungen um eine Annäherung der Rechtspraxis an die philosophische Dimension der Gerechtigkeit haben der auf Opferschutz und Viktimologie spezialisierten Wissenschafterin außerdem den Förderpreis für Wissenschaft und Forschung des Landes Steiermark 2004 eingebracht. "Grundsätzlich geht es mir darum", erklärt Marianne Hilf, "dass im Rahmen eines Strafverfahrens ein Verband als solcher auch strafrechtlich verantwortlich gemacht und sanktioniert werden kann - entsprechend seinen wirtschaftlichen Verhältnissen."

Diese Idee ist nicht neu, im angloamerikanischen Raum ist sie schon sehr lange umgesetzt, auch in den meisten der alten EU-Länder. "Nur in Österreich hinken wir hier noch hinten nach." Den Blick über den juristischen Tellerrand Österreichs hinaus hat sich die seit 1991 am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie der Uni Graz beschäftigte Juristin während eines Praktikums im Justizministerium angewöhnt: "Das war während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft. Ich bin damals in der Straflegislative gelandet und oft zu Rats-Arbeitsgruppen nach Brüssel mitgefahren. Dabei wurde mir klar, dass wir in Österreich im Unternehmensstrafrecht einen enormen Nachholbedarf haben." Die Katastrophen von Lassing und Kaprun lieferten dann die Bestätigung für diesen Befund.

Der Blick über die Grenzen hinaus bestimmt auch das Privatleben: Ihre größte Leidenschaft neben Tanzen und Joggen ist Reisen. Dank internationalem Networking und entsprechender Nachfrage kann diese Neigung durch Vortragsreisen quer durch Europa auch gut in ihren Beruf integriert werden, was ihn für die Juristin zum "absoluten Traumjob" macht. Forciert wird ihre Reisetätigkeit zudem durch die grenzüberschreitende Verbindung zu ihrem seit Kurzem zweiten Ehemann: "Er ist Deutscher und lebt zurzeit noch in Berlin." An der Familienzusammenführung in Graz wird schon intensiv gearbeitet. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 3. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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