Wie man Kanadier wird

17. März 2005, 12:28
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David Bezmozgis' lakonische Shortstorys - In seinem Debüt erzählt der Autor mit ironischem Understatement aus dem Milieu der jüdischen Emigranten

Ein weißer Lhasa Apso namens Tapka ist der Liebling der neuen Nachbarn, der Nahumowskys. Für Mark, dessen Familie mit dem jüdisch-russischen Paar die Erfahrung der Emigration teilt, stellt der Hund das erste Objekt einer bedingungslosen Zuneigung dar. Die neue Heimat Toronto bringt ansonsten nur Komplikationen mit sich. Die Sprache ist fremd wie der von der Community russischer Juden bevölkerte Stadtteil, die Anpassung an die veränderte Umgebung noch schwierig. Tapka jedoch versteht auch ohne Worte, selbst auf Schimpfwörter wedelt sie noch vergnügt. Tapka läuft und kommt immer zurück. Bis sie eines Tages unter ein Auto gerät und die finanzielle Not die erforderliche Operation nicht erlaubt . . .

Tapka, die erste Shortstory in David Bezmozgis' Debüt Natascha, gibt mit ihrem ironischen Understatement den Tonfall des Erzählbands vor und etabliert zugleich die zentralen Topoi: das Milieu der jüdischen Emigranten, die Assimilierungsversuche der ersten und der zweiten Generation, die wirtschaftliche Malaise. Bezmozgis, selbst Kanadier lettischer Abstammung, erzählt eine Coming-of-age-Geschichte, die in Etappen verläuft. Sieben in sich abgeschlossene Storys - manche davon erschienen zunächst mit Erfolg in US-Zeitschriften wie dem New Yorker - geben Einblick in das Leben der Familie Berman, und schon von den ersten Seiten an besticht der lakonische Gestus, mit dem hier an den Verelendungsszenarien des Migrantendaseins vorbeigeschrieben wird.

Die Erzählperspektive ist jene von Mark, der von einer Erzählung zur nächsten ein wenig älter wird. Er bleibt ein neutraler, fast passiver Angelpunkt des Geschehens, fernab etwa der selbstbezüglichen jüdischen Männerfiguren eines Philip Roth. Während seine Eltern - geprägt von einer Vergangenheit, die weiter an ihnen haftet, und einer ungewissen Zukunft - immer ein wenig orientierungslos wirken, wächst Mark einfach heran und bewegt sich schlangenhaft zwischen den Kulturen, zu gleichen Teilen Kanadier, Russe und Jude.

Bezmozgis schildert jedoch keinen inneren Prozess, sondern macht die Entwicklungen an äußeren Umständen, an hervorgehobenen Momenten fest. Um den Kontrast zwischen neuer und alter Heimat kreist etwa die Story Der zweitstärkste Mann, in der das sowjetische Gewichtheberteam (samt KGB-Agenten mit Zahnschmerzen) in Toronto Station macht. Einer darin, Serjoscha, war die Entdeckung des Vaters, der früher einmal Trainer war. Mark hat ihn immer bewundert, aber sein Stern ist schon im Sinken. Er ist damit repräsentativ für sein Land, das bald selbst seinen Platz in der Schwergewichtsklasse räumen muss.

In Natascha präsentiert es sich dann mit verändertem Gesicht. Das 14-jährige Mädchen kommt mit der neuen Ehefrau des Onkels nach Kanada. Mark soll sich um sie kümmern. Sie wirkt desinteressiert, dann zieht sie sich einfach vor ihm aus, und man erfährt, dass sie schon Erfahrungen als Pornodarstellerin gesammelt hat. Die Titelgeschichte ist eine klassische Episode rund um das erste Mal, die Bezmozgis jedoch um den Faktor kultureller Ungleichheit erweitert. Mit dem Mädchen deutet er, ohne es zum Opfer zu machen, eine alternative Jugend an, die Mark in der Suburbia erspart geblieben ist. Wie in den meisten Geschichten steht am Ende eine Epiphanie, die einen Blickwechsel bewirkt, das Vertraute fremd erscheinen lässt. "Das war das Ende meines Höhlenlebens." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.03.2005)

Von Dominik Kamalzadeh
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    David Bezmozgis: "Natascha"
    € 17,40/188 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005

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