Globalpanoptikum mit Musik

17. März 2005, 12:28
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Erwin Einzinger in den kleinen Maschen des Erzählens - Fast zehn Jahre nach "Das wilde Brot" geht er neuerlich aufs Ganze

Wer erzählt, stellt Beziehungen her, verknüpft verschiedene kleine Elemente zu Sequenzen; und eine breitere literarische Form erweckt bisweilen den Eindruck, die Existenz wäre von geheimnisvollen Koordinaten durchzogen. In der Welt lassen sich, wenn man will, allerlei Zufälle erkennen, Zusammenhänge konstruieren. Jede beliebige Gleichzeitigkeit vermag einer Assoziationssucht Stoff zu geben: Papst Johannes XXIII. segnete an jenem Tag das Zeitliche, an dem Thomas Bernhard die Lkw-Führerscheinprüfung bestand; als Alexej Tupolew starb, eröffnete man gerade in der nordportugiesischen Stadt Tomar den Suppenkongress. So weiß es der Arrangeur in Erwin Einzingers dickem Band Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik, der die Gattungsbezeichnung Roman trägt.

Der 1953 geborene Oberösterreicher gehörte in den 80ern, als der Verlag sich selbst noch synonym für österreichische Literatur setzte, zum geschätzten Stamm der Residenz-Autoren, ohne je ganz in den Vordergrund treten zu können. Fast ein Dezennium lang sind nach Das wilde Brot - einer Komposition poetischer Bruchstücke, die durch Erdkreis, Himmel und Hölle führen - weitere Bücher ausgeblieben. Nun geht Erwin Einzinger neuerlich aufs Ganze, indem er seine Art Globalpanoptikum aus einem Haufen von kurzen Episoden, Anekdoten, Hinweisen, von Informationen aus dem Musik-Betrieb, von Mythen, Histörchen, Alltagsansichten bildet.

Das romaneske Werkel, dem jedweder Ein-oder Ausstieg gerecht zu werden scheint, findet seine Szeneriestückchen auf allen Kontinenten, zieht seine Kreise im Öffentlich-Faktischen um Nordamerika und im Persönlich-Fiktiven um Oberösterreich. Diese Poesie vom Hundertsten ins Tausendste kommt doch immer wieder auf ein paar Leitmotive zurück - im Makrobereich die Geschichte der Indianer, vor allem freilich die U-Musik seit der Entstehung von Jazz, Blues, Rock, Pop, namentlich Andy Warhol und Elvis Presley. Auch weniger bedeutende, kleinere Elemente arrangiert Einzinger so, dass sie einen inneren Zusammenhalt seines umfangreichen Bandes gewährleisten sollen. Das narrative Gleiten zwischen Abwegigem und Gewöhnlichem aus allen Weltgegenden ist zudem mit Fußnoten unterlegt, aus denen man etwa zum Lauftext "Musikanten, die die Gitarre wie ein Maschinengewehr hielten", erfährt: "Das erste Maschinengewehr wurde angeblich von dem Korsen Giuseppe Fieschi (1790-1636) erfunden."

Auf einer vorangestellten Motto-Seite extrahiert Einzinger aus Warhols Tagebüchern drei Suppen-Satzwürfel, um sodann den Roman damit einsetzen zu lassen, dass 1838 in Heilbronn ein Inserat der Firma Knorr erschienen war (hier ist ihm eine nette Gleichzeitigkeit entgangen, hat doch im selben Jahr 1838 Immermann an der Fertigstellung seines Münchhausen, einer "Geschichte in Arabesken", gearbeitet, während die Uraufführung von Grillparzers Weh dem, der lügt ein Misserfolg war). Über die Hautkrankheit "Grützbeutel" und einen Fahrradhändler aus Dublin geht es binnen einer knappen Seite zum Mississippi-Blues und zu Van Morrison. Darauf zu einem Verliebten, der sich am Traunsee die Wartezeit mit Lektüre verkürzt; und während er eine Erbsensuppe, natürlich von Knorr, kocht, erfährt er aus der Zeitung, dass ein Star der US-Populärmusik zu den Liebhabern saftiger Bisonsteaks zählt.

Berühmtheiten und anonyme Figuren, heutige Straßenszenen und Historisches im Großen wie im Kleinen lässt der Erzähler ineinander greifen. Ein Beispiel aus der Mitte des Buches: die Ausrottung der Büffel, der Soulsänger Wilson Pickett, die Frau Heinrich Himmlers, ein Dorfambiente im hintersten Osteuropa, Prozessionen in Oberösterreich, eine Ehetragödie in Almeira . . . Das Enzyklopädische trifft auf persönliche Fragmente ("David und Mausi unternehmen eine dreitägige Campingtour. Jackl wird immer komischer. Pascal versucht es mit Druck, aber Monika entzieht sich . . ."); das Rezept dieser dem Thema durchaus angemessenen literarischen Mix- und Sampling-Technik wird mitgeliefert: "Um nachzuzeichnen, wie sich aus der einen Episode häufig bereits die nächste herauszuschälen beginnt oder aus dem einen plötzlich etwas ganz anderes wird, genügt normalerweise Schreibgerät und Papier. Manchmal freilich vergehen Jahre oder Jahrzehnte von einem bis zum nächsten Satz."

Über weite Strecken erweist sich Erwin Einzinger als Meister einer knappen Kunst poetischer Abschweifungen, die gewagte Metaphern durchaus gezielt und mit Maß einzusetzen weiß ("als es still war wie im Inneren einer Schaumrolle"). Auf die Dauer jedoch verkrampft die Konstruktion, wirken einige assoziative Übergänge plakativ, erscheinen die Präzisierungen in den Fußnoten, als sei nur schnell bei Google angeklickt worden. Zudem hält die Präzision des Ausdrucks nicht an - man muss kein Purist sein, um etwa den sprachlichen und logischen Defekt der Formel "im wahrsten Sinne des Wortes" (keineswegs ironisch auf Seite 466) zu bemängeln. Die Gleichzeitigkeitsbeobachtungen schaffen zunehmend einen Überfluss an "während", "übrigens", "in diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen" und schließlich den Eindruck der Beliebigkeit.

Derart bietet der Band wohl ersprießliche Unterhaltung, die aber bald ermüdet, eine kunstvolle narrative Verknüpfung, die im Ganzen doch zu schwerfällig anmutet, eine ansprechende Prosa, die in den kleinen Maschen des Erzählens hängen bleibt und so einen größeren Wurf verhindert. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.03.2005)

Von Klaus Zeyringer
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    Erwin Einzinger:
    Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik. € 24,90/534 Seiten. Residenz, St. Pölten und Salzburg 2005.

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