Der Kanzler als Schulmeister der Zeitgeschichteforschung?

11. März 2005, 19:41
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Der Historiker Gerhard Botz ist empört. - Zu Recht? Ein Kommentar der anderen

"Diese Diskussion ist entschieden. Das Land selber war Opfer einer Aggression, und zwar einer militärischen Aggression." So sprach der Kanzler jüngst in einem Interview für die Neue Zürcher Zeitung. Und Schüssel führt für diese Halbwahrheit - bekanntlich ist eine solche gefährlicher als die Unwahrheit - als Beweise an: Tausende Verhaftete bereits in der Nacht des Einmarsches, "gesamte politische Elite . . . ausgeschaltet", "Widerstand in allen Lagern", von den "Alliierten . . . das sehr wohl anerkannt." Der Traum von der Wiederauferstehung Österreichs "war tief in den Menschen drinnen", sagt er.

Wir wissen heute, so tief drinnen, dass sehr viele Österreicher, nicht nur die vielleicht 200.000 auf dem Heldenplatz, in den "Anschluss"-Tagen sich in Hysterie für Hitler und die deutsche Wehrmacht überschlugen und in einem selbst die deutschen Nazis überraschenden pogromartigen Ausbruch des einheimischen Antisemitismus über die Juden Wiens und anderer Städte herfielen, sie demütigten und sich an ihrem Hab und Gut bereicherten, dass sogar die NS-Bürokratie dagegen Maßnahmen ergreifen musste.

Die braune Zukunft im Großdeutschen Reich versprach, alte Anschluss-Hoffnungen zu erfüllen. Dass im März 1938 auch militärischer Druck auf das morsche Regime Schuschniggs ausgeübt worden war und Himmler sofort seine Polizei- und SS-Kader nach Österreich entsandt hatte, berührte die große Mehrheit der Österreicher und Österreicherinnen wenig. Denn die Verhafteten und ins KZ Dachau Gebrachten waren vor allem Funktionäre der "Ständeregierung", und diese war, wie Schüssel einräumt, verhasst, es waren Juden, die die meisten österreichischen Nicht-Juden ohnehin nicht mochten, es waren Monarchisten, "Austromarxisten" und Kommunisten.

Echte Patrioten?

Diejenigen, die die Verhaftungen vornahmen, waren allerdings meistens einheimische Nationalsozialisten oder "pflichttreue" österreichische Beamte.

Die "Anschluss"-Euphorie war aus vielen Wurzeln gespeist, nicht nur aus der NS-Begeisterung jener hunderttausenden, die "sich eben Arbeit erwartet haben", wie Wolfgang Schüssel sagt, deren Los zum Großteil auf das Konto der verfehlten Wirtschaftspolitik des autoritären Regimes ging.

"Ein Reich, ein Volk, ein Führer!" versprach auch die Erfüllung lange gehegter deutschnationaler Vorstellungen und Träume, die nicht nur bei den alten, nun zu den Nazis übergegangenen Großdeutschen bestanden, sondern auch bei vielen Sozialdemokraten und einem Teil des bäuerlichen bzw. bürgerlichen, ehemals "christlichsozialen Lagers" die nationale Identität bestimmten.

Und diese war damals eher "deutsch" denn österreichisch, auch wenn sich das Dollfuß-Schuschnigg-Regime bemüht hatte, einen "christlichen" und "berufsständischen", "gesamtdeutschen" Österreich-Patriotismus zu schaffen - als Integrationsideologie seiner Herrschaft gegen zwei Drittel der Bevölkerung: gegen die 1933/34 vollständig entrechtete und niedergeworfene sozialdemokratische Arbeiterbewegung und gegen die einheimischen Nazis.

Deren Putschversuch von 1934 hatte den "Ständestaat" zwar in eine arge Bedrängnis gebracht und zur Ermordung Dollfuß' geführt, doch war von Schuschnigg den "Nationalen" allmählich wieder zunehmende Betätigung im Staatsapparat eingeräumt worden. So gab es zwar "Widerstand in allen Lagern", doch dieser Widerstand gegen die viel effektivere NS-Diktatur hielt sich in Grenzen und blieb bis Kriegsende praktisch gleich gering wie im sog. "Altreich".

Umso stärker war die NSDAP, die in Österreich eher mehr und radikalere Mitglieder als in Deutschland anziehen konnte. Viele der österreichischen Naziführer und ihre Klientel spielten eine verhängnisvolle Rolle in den besetzten Gebieten Europas und beim Massenmord an den Juden. Das totalitäre NS-Regime war nicht allein auf Terror, Kontrolle, Propaganda und sozialen und imperialen Versprechungen aufgebaut, sondern über weite Strecken auch auf Konsens und der Zustimmung zu seiner Expansions-und Verfolgungspolitik.

In der Tat, die Quellenlage und die Zeitgeschichteforschung haben erdrückende Beweise erbracht, dass die These, wonach Österreich nur Opfer des deutschen Nationalsozialismus gewesen sei, unhaltbar ist.

Im März 1938 war das mit faschistisch-nazistischen Einschlägen und christlich-"berufsständischer" Verbrämung autoritär regierte Österreich zwar völkerrechtswidrig erpresst und beseitigt worden, doch die deutsche militärische Besetzung war auch von einer Machtübernahme österreichischer Nazis von unten und vom Inneren des "Ständestaates" her begleitet gewesen.

Die Zustimmung zum erzwungenen "Anschluss" seitens der Österreicher überwog, so dass die Alliierten 1943 in ihrer Moskauer Dekaration Österreich zwar den Opferstatus zuerkannten, diesen gleichzeitig aber durch Hinweise auf die Mittäterschaft an der nationalsozialistischen Politik ausbalancierten.

Revisionismus . . .

Daher hat auch ein anderer österreichischer Bundeskanzler, Franz Vranitzky, 1991 und 1993 eine Formel von der Opfer- als auch Täterschaft geprägt und für Österreich eine moralische Mitverantwortung am Nationalsozialismus anerkannt. Schulmeister Schüssel versucht heute, was andere Mitglieder seiner Partei schon früher eingeleitet hatten: diese Interpretation zu revidieren.

Wem dieses Umschreiben der Geschichte nicht passt, hält er kalt entgegen: "Ich werde nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht." Handelt es sich hier um eine strenge Ermahnung für eine neue "Meistererzählung" zum "Gedankenjahr" zu 1945 - 1955 - 1995? Denn was an Geschichtsverdrehung und Gedenkideologie auf uns 2005 noch zukommt, wird staatsoffiziell wohl einen weiten apologetischen Bogen spannen. Der wird vom "ersten Opfer des Nationalsozialismus" - der von der "Sünde" des Diktatorischen freigesprochenen "Ständeregierung" - über die heroische Widerstandszeit und die echten Opfer der NS-"Fremdherrschaft" und über die (alliierte) Besatzung bis zum "Österreich ist frei" Figls und zu den Erfolgen der schwarz-blauen Regierung reichen.

. . . und Gängelung

Die Ansage des amtierenden Bundeskanzlers verspricht einen (neuerlichen) Versuch massiver forschungspolitischer Restriktionen und schamloser Gängelung der österreichischen Zeitgeschichteforschung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 3. 2005)

Gerhard Botz ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien; mit seiner Infragestellung des Begriffs "Austrofaschismus" hat der Autor im Vorjahr an dieser Stelle heftige Kontroversen ausgelöst. Am Samstag beteiligt sich Botz an der Marathonlesung im Gedenken an die Antifaschistin - und überzeugte Ständestaat- Befürworterin - Irene Harand im Erzbischöflichen Palais am Stephansplatz.
  • " ... werde es nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht", sagte Wolfgang Schüssel vor Kurzem in einem Interview der "Neuen Zürcher Zeitung". Der Historiker Gerhard Botz (Bild) ist empört.
    foto: standard/rudolf semotan

    " ... werde es nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht", sagte Wolfgang Schüssel vor Kurzem in einem Interview der "Neuen Zürcher Zeitung". Der Historiker Gerhard Botz (Bild) ist empört.

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