Frisch, saftig, Irish

23. November 2005, 18:21
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Cork ist bislang die kleinste europäische Kulturhauptstadt, eine charmante Stadt mit unberührtem Irland rundherum

Cork ist bislang die kleinste europäische Kulturhauptstadt und darf 2005 dank eines unbewältigbar umfangreichen Programmes Kulturmetropole spielen. Ein Besuch lohnt sich für alle, denen Dublin zu klischeehaft erscheint, die aber dennoch eine charmante Stadt mit unberührtem Irland rundherum wollen.


Heuer ist es besonders schwer, eine Ausrede dafür zu finden, nicht nach Irland zu fahren. Erstens ist da der Sympathieträger Cork, der es geschafft hat, europäische Kulturhauptstadt zu werden und noch kleiner zu sein als Graz; zweitens steht ganz Irland unmittelbar vor dem sehenswerten Ausnahmezustand "St. Patrick's Day". Gut, vielleicht ist man ja passionierter Raucher, dann darf man sich die Sache vor dem Hintergrund des öffentlichen Rauchverbots noch überlegen oder auf später verschieben, wenn es die Temperaturen wieder zulassen, vor den Pubs zu rauchen.

John Kennedy, der Leiter des Organisationskomitees von "Cork 2005" ist zwar aus Dublin, dennoch weiß er, dass die bisher kleinste Kulturhauptstadt am Rande Europas einiges zur kulturellen Vielfalt beitragen möchte. Verrückt genug seien die Bewohner von Rebel-City ja, haben sie doch eine lange Erfahrung aufständischer Natur vor allem gegen die Fremdherrschaft der Briten und das müsse sich doch irgendwie positiv auf ihren Schaffensdrang auswirken. Ob nun - wie in Irland behauptet - verrückt oder auch nur ausgefallen, Tatsache ist jedenfalls, dass die Corker ihren Karneval erst mit dem St. Patrick's Day am 17. März beginnen: Die Parade startet mittags vom Parnell Place und geht quer durch die Innenstadt, eine Gelegenheit, praktisch alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu streifen, wenn man nicht viel Zeit für Cork eingeplant hat.

Laute Töne

Am Englischen Markt, einer großen Backsteinhalle, sollte man ebenso vorbeikommen wie an der Crawford Municipal Art Gallery, einer kleinen Galerie, die nur wenige Statuen und Gemälde zu bieten hat. Hat man die Oper passiert, findet man am anderen Ufer der Lee die St. Mary's Church, eine neoklassizistische Kirche, an und für sich nichts Besonderes, nur im Jahr der Kulturhaupstadtschaft nächtens besonders schön kitschig beleuchtet. Wem die Geräuschkulisse der Prozession dann schon auf die Nerven geht, biegt am besten hier ab, denn die Gässchen bis zur St. Anne's Church zählen zu den ursprünglichsten von Cork. Generell vermittelt die Stadt einen unspektakulären Charme ohne Superlative, wer aber jemals eine Postkarte mit den typischen bunten Hausfassaden irischer Kleinstädte bekommen hat, wird diese Bilder hier wieder finden. Weiterhin bei der Parade zu bleiben bedeutet, sich auf farbenfrohe Ansichten entlang der Strecke nur schwer konzentrieren zu können. Die Figuren, die der "Corker Fasching" während des 18. und 19. März zur Schau stellt, sind bunt genug: Die Gäste aus Louisville, Kentucky, die Myghty Cotton Pickers, tragen Eulen nach Athen, oder besser Country Music nach Cork, sprachlich dürften da kaum Barrieren bestehen, sind doch die Corker für ihren amerikanisch anmutenden Singsang bekannt. Das Duo von The Invisible Men mit ihrer eigenartigen Kombination aus Mimik, schnellen Gags und allerlei Spezialeffekten - in bester Monty-Python-Manier - findet sogar der Guardian "very, very funny". Aber kommen wir nun zu etwas ganz anderem.

Leiser Widerstand

Rund 5000 Veranstaltungen sind im Rahmen von "Cork 2005" geplant. Die Kleinstadt setzt auf ein internationales Programm, der regionale Bezug der Veranstaltungen ist nur begrenzt gegeben, nur zum Teil versucht man auf die interessante Geschichte der Stadt einzugehen. Dies scheint auch der Grund dafür zu sein, dass sich eine Gruppe um Mick Hannigan vom Cork Film Festival offen die Frage stellt, wo die "eigene" Kultur bleibt. Die Kritik der Gruppe zielt weniger darauf ab, dass man sich grundsätzlich ein provinzielleres Programm wünsche, es gehe lediglich darum, Künstlern über den offiziellen Teil hinaus die Möglichkeit zu geben, sich in einem Parallelangebot zu engagieren. Das offizielle Cork bemüht sich, mit dem Projekt "Enlargement!" ein möglichst breites und wechselndes Spektrum der Kunst aus den neuen EU-Staaten zu zeigen, und schafft es in der Tat, einen interessanten Querschnitt aus den zehn Ländern zu präsentieren. Aktuell bis zum 30. März thematisiert Lettland im Cork Vision Centre multimedial die wechselnden und statischen Realitäten im eigenen Land, Slowenien folgt ab dem 6. April.

An den zahlreichen Pubs wird man ohnehin nicht vorbeikommen wollen. In bester Tradition irischen Ungehorsams steht das Brogan's am Corker Hafen, der Besitzer Danny Brogan hat sich am "Aufstand" zahlreicher Pubbesitzer beteiligt und angekündigt, in seinem Lokal ein Raucher-Hinterzimmer einzurichten - dies sei allen Rauchern als mitfühlender Tipp auf die Reise mitgegeben. Dort kann man auch den ultimativen Test zwischen "Beamish" und "Murphy" machen, den beiden Corker Biermarken, der "Cork Distilleries Company Old Irish Whiskey" verdient es, als Souvenir mitgenommen zu werden. Den Nichtrauchern sei hier wiederholt versichert, das irische Gesetz auf ihrer Seite zu haben, wenn sie exzellentes Essen im Captain's Table Restaurant in Kinsale, etwas außerhalb von Cork, rauchfrei genießen wollen. (Der Standard, Printausgabe, 12./13. 3. 2005)

Individualisten können bei Air Lingus einen Flug nach Dublin bereits ab 9 € pro Strecke exkl. Taxen buchen, ein Mietwagen ist in Irland sinnvoll, das Straßennetz exzellent, Hertz gibt Ir- landreisenden wechselnde Diskonts.

Der österreichische Irland-Pionier Blaguss bietet Fly&Drive an, hat das angenehme Rochestown Park Hotel ab 38 € pro Person im Programm und organisiert Irland- Rundreisen, sollte einem Cork zu eng werden.

Von
Sascha Aumüller

Links

cork2005.ie
aerlingus.com
blaguss.at

  • Shakey Bridge, Cork
    foto: cork.ie

    Shakey Bridge, Cork

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