Die Degradierung der Hexe

13. März 2005, 18:27
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Von "hagia", der weisen Frau zur "hag", der Hexe - Ein geschichtlicher Abriss

Die Gräuel eines der extremsten Kapitel der Frauenvernichtung - die Hexenverfolgung - wird oft in die Epoche des "dunklen Mittelalters" geschoben - als wenn die Fakten dadurch an Bestizität verlieren würden. Tatsache ist, dass sie das Entrée eines "neuen Zeitalters" einläuteten: die Inquisition an sogenannten "Hexen" erreichte ihren Höhepunkt in der Neuzeit und reichte bis in die vielgerühmte Aufklärung hinein. Millionen Frauen fielen dem patriarchal-klerikalen Hexenwahn zwischen 1500 und 1800 in Europa zum Opfer (mit abweichendem Beginn im 14. Jahrhundert und Ausläufern bis ins 19. Jahrhundert hinein - hier gehen die Daten auseinander).

Jede Frau eine potenzielle Hexe

Um als Hexe zu gelten, musste frau nicht viel tun. Wenn sie gebildet, weise und/oder Hebamme war, galt ihr Todesurteil so gut wie sicher. Denn nicht nur ihr Wissen über Verhütung, Geburt und Abtreibung war den wahnsinnigen Herrschenden ein Dorn im Auge, es galt auch den neuen, unwissenden Hochschulmedizinern, den Gynäkologen, Platz zu machen.

Im 15. Jahrhundert gab es darüber hinaus drei "Hauptlaster", deren Frauen als Hexen angeklagt wurden: Häresie, Ehrgeiz und Üppigkeit (vulgo Geilheit). Bis zum Höhepunkt der Frauenausrottung wurden Ketzerinnen, aufständische Bäuerinnen, Kräuterfrauen, fahrende Frauen und Prostituierte verurteilt. Ab diesem Zeitpunkt genügte jede "Abweichung": rote Haare, "Hässlichkeit" wie "extreme Schönheit", sehr hohes Alter, Kinderlosigkeit, Ledigsein ... also jede Frau, die nicht dem Wahnsinn der phallischen Norm entsprach.

Weibliche Heilige und Dämonin

Der Begriff "Hexe" leitet sich etymologisch vom altenglischen Wort "hag" ab, das laut Mary Daly die archaische Bedeutung eines weiblichen Dämons, eines bösen, angsteinflößenden Geistes in sich trägt. Frei übersetzt bezeichnet "hag" ein "hässliches, böse aussehendes Weib". Und sie fragt: "Böse - von wem definiert? - Angsteinflößend - für wen?" Interessant ist auch die Herleitung des Wortes aus dem Griechischen: Hier heißt "hagia" "heilige Frau" oder "Hebamme", was eine eindeutige Logik erhält, wenn bedacht wird, dass Hebammen als die ersten weisen Frauen dem Vernichtungswahn der Inquisition zum Opfer gefallen sind.

Zaunreiterin

Das etymologische Wörterbuch von Kluge leitet Hexe aus dem Mittelhochdeutschen "hecse" und dem Althochdeutschen "hazissa" und "hagzussa" her, wobei er "hag" als das an ein Gehöft angrenzende, nicht mehr dazugehörige Gebiet - außerhalb des Zaunes - bezeichnet, was sich mit der Übersetzung der "Zaunreiterin" trifft. Vermutlich ist es kein Zufall, dass nicht nur den Märchenhexen nachgesagt wird, sie lebten außerhalb des Dorfes, zumeist im Wald.

Teufelshure und Teufelsbuhlerin

Erst im ausgehenden Mittelalter wurde das Wort für weiblicher Geist auf eine Frau übertragen, die mit dem Teufel im Bunde stehen sollte - die sogenannte "Teufelshure". Mittelalterliche und neuzeitliche Bilder vom "Hexensabbath" zeigen ausschweifende sexuelle Darstellungen, in denen das Geschlechtliche dämonisiert wird. Während des gesamten Mittelalters war der heidnisch-matriarchale Glaube an Göttinnen, die Fruchtbarkeit genauso wie Dürre bringen konnten, an die Nornen und Walküren etc., als Ausdruck weiblicher Macht existent. Und den Kirchenvätern naturgemäß ein Balken im Auge, den es mit allen Mitteln zu entfernen galt.

Häresie und Ketzerei

Doch erst im 13. Jahrhundert, als die katholische Kirche das HeidInnentum im ersten größeren Ausmaß - in der Ketzerverfolgung - zu vernichten suchte, wurde eine offizielle Verbindung zwischen "Irrglauben" und Zauberei hergestellt und das "Verbrechen der Ketzerei" mit dem Verbrennungstod bestraft. Etwa zwischen 1230 und 1430 erfolgte eine pseudowissenschaftliche Untermauerung des Hexenglaubens durch die Dämonienpaktlehre Augustins und die Aberglaubenstheorie Thomas von Aquins: Schadenszauber werde mittels Teufelspakt ausgerichtet. Damit waren alle HäretikerInnen verdächtig, sie könnten zaubern. Mit dem Ausbau der Dämonenlehre wurde alles Sexuelle verteufelt - insbesondere die weibliche Sexualität, die in Umkehrung des Göttinnenglaubens nun als Ursache allen Übels betrachtet wurde.

"Hexenhammer"

Parallel dazu hatten die patriarchal frauenverachtenden und gynophoben Kirchenlehrer ein fruchtbares Klima geschaffen. Die Frau sei defekt, naturwidrig ... die Lüge schlechthin. Im 15. Jahrhundert war dann das tödliche Muster perfekt. Die Frau sei zur geschlechtlichen Verbindung mit dem Teufel von Natur aus geneigt - "Teufelsbuhlschaft". Im Jahr 1468 wurde Hexerei offiziell zu einem Verbrechen erklärt. Und knapp zwanzig Jahre später erschien der berüchtigte "Hexenhammer" - "Malleus maleficarum" der beiden deutschen Inquisitorenmönche Sprenger und Institoris, ein nicht zu beschreibendes Gräuel-Handbuch, das allen Hexenverfolgern in den nächsten Jahrhunderten als Verfahrensgrundbuch für Verhör, Folter und Mord dienen würde. (dabu)

  • "Hexentreiben" von Hans Baldung Grien, Holzschnitt um 1510.
    foto: dabu
    "Hexentreiben" von Hans Baldung Grien, Holzschnitt um 1510.
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