Frauentag + Wahlen im Irak = Hoffnung?

11. März 2005, 13:56
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Manal Omar, Länderdirektorin von "Women for Women International" im Irak berichtet von der Situation in ihrem Heimatland

Bagdad, 8. März 2005

Liebe FreundInnen, Familien und UnterstützerInnen,

Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Internationalen Frauentag! Viele fassen Vorsätze zum Neuen Jahr, aber ich nutze immer den Internationalen Frauentag, um über meine Herausforderungen und Erfolge des letzten Jahres zu reflektieren. Mit welchen Hindernissen ich auch konfrontiert war, aus irgendeinem sonderbaren Grund fühle ich mich an jedem 8. März optimistisch und energiegeladen – an diesem Tag, den die Frauen seit 1857 als ihren Tag feiern. Daher möchte ich diesen jährlichen Moment der Stärke nutzen, und ihn dafür verwenden, über meine Zeit im Irak zu reflektieren.

Für die meisten von euch ist es lange her, seit ihr etwas von mir gehört habt – vor allem über die Ereignisse auf irakischem Boden. Ich denke, der Hauptgrund dafür, dass ich mich geweigert habe, meine Erfahrungen dieser letzten Monate auf Papier zu bannen, ist meine Verweigerung, das, was passiert, zu verarbeiten; das, was auf den ersten Blick nur Panik verursacht und nach Chaos erscheint. Und dieser Wirbelsturm an Gefühlen ist eng verflochten mit den Gefühlen der IrakerInnen, mit denen ich nun schon seit zwei Jahren dicht zusammenlebe – was mich manchmal genauso wankelmütig wie sie erscheinen lässt. Ich schwanke so schnell und häufig zwischen Enttäuschung und Hoffnung, Depression und Optimismus hin und her, dass ich mittlerweile so etwas wie ein mentales Schleudertrauma habe. Aber uns kann man dafür nicht die Schuld geben, denn in der allgegenwärtigen Situation, ohne Sicherheit, würde jede/r in Depressionen stürzen. Dennoch, der Optimismus stammt von der Entschlossenheit der IrakerInnen, immer vorwärts zu gehen. In der Tat erschafft der Einsatz der IrakerInnen einen Optimismus, der ansteckend ist, und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man mitten in dieser Gesellschaft ist. Gleichzeitig sind ihre Ängste, ihre Enttäuschung und das Gefühl, betrogen worden zu sein im Hinblick auf die sich verschlechternde Sicherheitssituation in ihrem Land ebenfalls nicht wegzuleugnen – und diese beiden überwältigenden Gefühle geben mir das Gefühl, als wäre ich in einer Drehtür zwischen Hoffnung und Verzweiflung gefangen.

Ich glaube, das Gefühl des Verrats kommt von der Tatsache, dass ich mir niemals hätte vorstellen können, dass es so schlimm werden würde, wie es heute ist. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich zurückblicken würde und mich wie eine Närrin fühlen würde angesichts der Hoffnungen und Träume für den Irak, die ich einmal hatte. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass der Tag kommen würde, an dem ich von den wundervollen Straßen Bagdads vertrieben sein würde, von der großartigen und warmen Gastfreundschaft meiner FreundInnen im Süden, und vom vibrierenden Leben in den nördlichen kurdischen Regionen. Die Monate voller Kidnappings und Tode von Menschen – internationalen und lokalen – die mir nahe standen, ließen mich zurück mit dem unerträglichen Gefühl, selbst ausgelöscht zu sein. Ich fühle mich heute wie eine Banditin im Irak, ich darf nicht zweimal am selben Ort schlafen und reise ständig begleitet von der Angst, in die falschen Hände zu fallen. Das letzte Mal, als ich den Irak verlassen habe, wurde ich praktisch über die Grenze geschmuggelt, und als ich zurückkehrte, hörte ich von der möglichen Ermordung von Margaret Hassan. Ich kollabierte, bereit, mir selbst zu erlauben, mich von der Niederlage verschlucken zu lassen.

Aber die IrakerInnen waren nicht bereit dazu, sich in die Klauen der Niederlage zu begeben. Sie erinnerten mich daran, dass die MärtyrerInnen uns umso mehr Gründe gaben, weiterzumachen, und dass die Frauen, die an uns glaubten, der Treibstoff für unsere Programme sein würden. Wir gingen in den Untergrund, aber ich bin stolz, sagen zu können, dass wir nie aufgehört haben. Als die Wahlen immer näher kamen, fühlte ich, dass der Eifer und die Hoffnung der IrakerInnen wieder kehrten. Die Veränderung war unabwendbar – zu viel Blutzoll, zu viel Energie wurden bereits investiert, um diese Gelegenheit vorüber gehen zu lassen. Im Januar 2005 lehrten mich die IrakerInnen die wertvollste Lektion – Verzweiflung ist kein Fass ohne Boden, aber die Hoffnung wohl – denn wenn sich jemand voll auf die Hoffnung einlässt, dann wird diese zu einer endlosen Energiequelle. Ich konnte ihre Hoffnungen, die sie mit den Wahlen verbanden, nicht teilen, und rüstete mich selbst in Erwartung einer Wahl, die zu einem weiteren Fehlschlag, den die IrakerInnen überwinden müssen, werden würde. Die IrakerInnen waren entschlossen, mir zu beweisen, dass ich falsch lag – und das taten sie.

Für viele meiner FreundInnen war die Wahl eine Farce – ein Prozess, der unter normalen Bedingungen und in einem normalen Zeitplan unglaublich schwierig wäre. Mit einem Irak im Chaos, welche Hoffnung auf erfolgreiche Wahlen konnte es da geben? Es war schwierig für mich, diesen Argumenten nicht zuzustimmen. Allerdings kannte ich die Hartnäckigkeit der IrakerInnen nur zu gut, entscheiden und so konnte ich immer behaupten, dass der ausschlaggebende Faktor für den Erfolg der Wahlen der Glaube der IrakerInnen an den Prozess sei. Hier erlaubte ich meinem Glauben, sich zu fragen – die Wahlen würden das Barometer dafür sein, wie sehr die IrakerInnen die Veränderung wollten. Das persönliche Risiko einer Teilnahme lag auf der Hand – würden die IrakerInnen, dass der Prozess das Risiko wert war?

Eines der ersten Dinge, die ich realisierte, war, wie irrelevant meine Vorbehalte in Bezug auf die Wahlen waren – und wie viele andere Male zuvor erinnerte ich mich daran, dass es hier nicht um meine eigenen Sichtweisen und um meine Erfahrungen aus anderen Ländern ging – es ging um den Irak und um die Gefühle der IrakerInnen.

Ich denke, das ist etwas, was viele Leute aus den Augen verloren haben. Women for Women International war an der Organisation der Wahl der ExilirakerInnen in Jordanien beteiligt, und ich war froh, dass mein Beobachtungsteam aus IrakerInnen bestand, die den Ablauf bezeugen konnten. Viele Menschen sind weiterhin davon überzeugt, dass die Wahlen ein Fehlschlag waren, und deshalb möchte ich die Aufmerksamkeit auf die IrakerInnen lenken und darauf, was die Wahlen für sie bedeuteten.

Die IrakerInnen gingen in Massen zur Wahl, obwohl ich mich hier nicht auf Statistiken beziehen kann, wurde uns doch Telefonanruf um Telefonanruf von den langen Schlangen vor den Wahllokalen berichtet. Ich war erstaunt. Sogar die IrakerInnen waren überrascht von diesem Ausgang. Eine Irakerin schrieb, „das war so eine wunderbare Erfahrung! Es war erstaunlich, die Massen zu beobachten, die viele Meilen zu Fuß zurücklegten, nur um zu den Urnen zu gelangen und ihre Stimme abzugeben. Ich sah Leute in Rollstühlen, ich sah blinde Menschen, die von ihren Familien geführt wurden, ich sah sehr alte Menschen mit einem Lächeln im Gesicht. Ich hörte die Leute darüber reden, dass dies zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren im Irak stattfand – das ist ein halbes Jahrhundert! Ich wanderte mit meinem Vater und meinem Bruder ca. 1,5 Meilen bis zum Wahllokal. Ich hätte mir keinen besseren Erfolg für die Wahlen ausmalen können, ich bin beeindruckt von der Menge an Menschen, die zur Wahl gingen!“

Natürlich war die Sicherheit die größte Sorge, und tatsächlich gaben viele Explosionen bereits am Morgen Anlaß zu Zweifeln, ob die Wahlen überhaupt stattfinden würden. Eine junge Frau aus Bagdad schreibt, „Wir zogen unsere hellen Kleider an genauso wie am ersten Tag des EID (hoher Feiertag, Anm.) und aßen das Frühstück, und um 8.15 Uhr gingen wir in Richtung Wahllokal. Dort widmeten wir diesem neuen Experiment ca. eine Stunde. Um 9.40, wir waren gerade wieder zu Hause angekommen, hörten wir eine laute Explosion. Es war in unserem Wahllokal passiert. Ein Mann, mit den Händen in den Hosentaschen, weigerte sich, sich vom Polizisten kontrollieren zu lassen. In diesem Moment brachte er sich um und riss acht Personen, darunter ein Kind, mit in den Tod. Der Ort war so überfüllt. Aber die Tapferkeit der Menschen war wunderbar. Die Menge wuchs weiter, selbst nach dieser Explosion, obwohl die amerikanischen Truppen die Leute baten, nach Hause zu gehen und eine Stunde später wieder zu kommen, während sie den Ort noch einmal kontrollieren und reinigen würden. Aber die Menschen weigerten sich. Sie sagten, sie würden warten, bis alles fertig war, um dann ihre Stimmen abzugeben.“

Die tragischen Geschichten wurden durch jene Geschichten von wahrer Heldenhaftigkeit ausgeglichen. Ob es der Wachmann in einem Wahllokal war, der einen Selbstmordattentäter bemerkte, und sein eigenes Leben opferte, indem er den Bomber packte und mit ihm wegrannte, um die Opferzahl zu minimieren, oder der Vater von drei Kindern, der den IrakerInnen, die in den Wahllokalen arbeiteten, als Akt der Freundlichkeit Tee brachte und so zum Opfer einer der Bomben wurde.

Einer meiner Freunde und gleichzeitig jemand, den ich als Pionier der irakischen Demokratie bezeichne, schrieb „wir haben am Wahltag zwar 44 Menschen verloren, aber Saddam tötete mehr als 5.000 an Halabcha. Unsere Leute dachten nicht, dass ihre Leben nichts wert wären, als sie zur Wahl gingen. Sie wählten, weil sie fühlten, dass ihr Leben wertvoll ist.“

Natürlich gibt es auch jene, die ihre Enttäuschungen mit mir teilten. Ein Iraker aus Bagdad, dessen Familie in Falluja lebt, schrieb, dass das nächste Wahllokal mehr als eineinhalb Stunden entfernt war und während alle IrakerInnen wählen gingen konnte er aufgrund der Ausgangssperre nicht an der Wahl teilnehmen. Er war sehr enttäuscht von der – seiner Meinung nach – an den Tag gelegten Rücksichtslosigkeit der irakischen Armee, die wahllos in den Himmel schoß, was ein Klima der Angst erzeugte. Dennoch gab er zu, dass er an den Tagen nach den Wahlen ein Gefühl des Friedens in Bagdad spürte, und er meinte, wenn dies anhielte, wäre es das alles wert gewesen.

Ein anderer älterer Mann, der seit dem Sommer 2003 mit unserer Organisation zusammen arbeitet, erinnerte mich daran, dass Demokratie nicht irgendeine Theorie sei, die an den Schulen oder Universitäten diskutiert und gelehrt wird. Demokratie ist etwas, das aus Erfahrung und Praxis entsteht, und zum ersten Mal in seiner Erinnerung war der Irak schließlich fähig, um den ersten Schritt zu setzen in Richtung seiner eigenen Erfahrungen.

Ich kann meine Vorbehalte nicht unterdrücken, genausowenig glaube ich, dass es im Interesse der IrakerInnen ist, diese Zweifel zu verschweigen. In den letzten beiden Jahren habe ich zu viele Lippenbekenntnisse erlebt, zu viel Blendwerk, zu viele unerfüllte Versprechen, und viel zu viele unnotwendige Tode, um mir zu erlauben, in die Falle ungeprüfter Hoffnung zu gehen. Wären die Wahlen eine irakische Hochzeit gewesen, so wie sie gemeinhin beschrieben werden, so erinnere ich die neugewählte Nationalversammlung daran, Elektrizität, Wasser, Sicherheit und Arbeitsplätze auf die Hochzeitsliste zu schreiben.

Die letzten Jahre haben bewiesen, dass Enthusiasmus eine kurze Lebensdauer hat, wenn Slogans nicht eingelöst werden. Die IrakerInnen sind zu intelligent, um Illusionen zu verfallen, und Kooperation und Enthusiasmus werden nur dann aufrecht erhalten werden, wenn auf die Wahlen nun konkrete Resultate folgen, die beweisen, dass sich ihr Leben ändern wird.

Ich spreche heute, am Internationalen Frauentag, über die Wahlen, weil das Jahr 2005 noch einige historische Ereignisse bereithält. Das Wichtigste ist das Schreiben der Verfassung, und viele Frauen, die ich überall auf der Welt kenne, bringen ihre Verzweiflung über die Zukunft der irakischen Frauen zum Ausdruck. Die selben Vorbehalte, die für die Wahlen gelten, begleiten das Referendum Mitte Oktober 2005, und dasselbe Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Aber die IrakerInnen haben Hoffnung, und die irakischen Frauen sind entschlossen, ihre Rechte sicherzustellen. Sie haben bewiesen, dass sie mit wenigen Ressourcen, wenig Unterstützung, und nichts als Lippenbekenntnissen ihren Platz an den Entscheidungstischen erwerben konnten, indem die Frauen mehr als 30% der Sitze in der neugewählten Kommission eroberten. Die irakischen Frauen haben ihren Platz in der Geschichte des Irak im Lauf des 20. Jahrhunderts und auch im 21. Jahrhundert bewiesen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass sie nicht zulassen werden, dass ihnen die Verfassung aus den Händen gleitet.

Ich baue auf die Geschichten der Frauen an der Basis – und im Geiste stelle ich mir jene irakischen Frauen vor, die aus einer sozial und ökonomisch benachteiligten Region kommen. Ich denke an die Frau, die, nachdem sie ihre Stimme abgegeben hatte, begann, Süßigkeiten in die Luft zu werfen – eine traditionelle irakische Handlung nach einer Hochzeit, als Ausdruck eines Gefühls von Freude und Ekstase. Die IrakerInnen haben ihren Teil erfüllt, und nun muss die Internationale Gemeinschaft den ihrigen erfüllen, indem sie die IrakerInnen dabei unterstützt, die hauptsächlichen EntscheidungsträgerInnen ihrer eigenen Zukunft zu sein – immerhin sind sie die InteressensvertreterInnen.

Der Prozess hat den Ton für 2005 bereits vorgegeben, und wie ein irakischer Freund mir anvertraut hat, „ich habe wieder ein Gefühl von Stolz und Nationalismus bekommen“. Zu diesem Zeitpunkt geht es nicht um Besatzungsarmee versus Befreiung, oder darum, wo die Massenvernichtungswaffen sind. Obwohl wir die Fehler der Vergangenheit nicht ignorieren sollen, wenn wir uns weiterhin auf Ereignisse konzentrieren, die vor zwei Jahren passiert sind, werden wir die wichtige Gegenwart verpassen; eine Gegenwart, die die Situation für Frauen für die kommenden Dekaden bestimmen wird.

Manal Omar, Irak-Direktorin von Women for Women International war im November 2003 eine der Sprecherinnen der ersten internationalen Frauen ohne Grenzen Konferenz "Women Included!".
  • Artikelbild
    foto: frauen ohne grenzen
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