Christentum und Islam, ein Familienstreit

12. März 2005, 18:00
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Der große alte Orientalist Bernard Lewis ortet das Grundübel in Saudi-Arabien

Wien - Einen "Clash" zwischen Islam und Christentum sieht Bernard Lewis, der fast 89-jährige Doyen der anglo-amerikanischen Orientalistik, höchstens wegen ihrer Ähnlichkeiten - dem Wahrheitsanspruch plus Missionsgedanken - und nicht wegen ihrer Unterschiede. Lewis, auf Einladung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien, sah im Gespräch mit IWM-Direktor Krzysztof Michalski und Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker am Donnerstagabend genau in diesen Parallelen große Chancen auf Kommunikation.

Lewis tritt für eine Sicht des Islam ein, die in der Mitte zwischen der Friede-Freude-Eierkuchen- und der Alles-Terroristen-Darstellung liegt: Beide seien allein Unsinn, beide enthalten wahre Elemente. Der Princeton-Emeritus macht darauf aufmerksam, dass das Selbstmordattentat im Islam eine sehr rezente Erscheinung sei, Produkt einer neuen Gedankenschule. Den Wahhabismus, der erst im zwanzigsten Jahrhundert durch den Aufstieg des Hauses Saud auf der arabischen Halbinsel und den Öleinnahmen relevant wurde, hält Lewis für das ideologische Grundübel: Dafür, dass die Wahhabiten den Islamunterricht in der islamischen Diaspora kontrollieren, sollten sich die europäischen Regierungen mehr interessieren.

Lewis zeigt Verständnis dafür, dass Muslime einen Teil ihrer Probleme als Resultat des westlichen Einflusses sehen. Westliche Konzepte hätten dem nahöstlichen Staat, der früher autoritär, aber nicht despotisch gewesen sei, mehr Macht verliehen. Der Islam enthalte Elemente, die einer demokratischen Entwicklung durchaus zuträglich sein könnten: Er unterstütze eine vertragliche und konsensuelle Art des Regierens, bestehe auf Konsultation und auf Rechtmäßigkeit. Lewis, Irakkriegsbefürworter und noch immer überzeugter Freund des inzwischen aus der US-Gnade gefallenen Ahmad Chalabi sieht den Irak auf Demokratisierungskurs, meint aber, dass die islamischen Länder eigene demokratische Institutionen entwickeln werden. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2005)

  • Bernard Lewis, Orientalist
    foto: standard/semotan

    Bernard Lewis, Orientalist

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