Betörender Echoraum der Erinnerungen

10. März 2005, 20:36
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"2046", der neue Film von Wong Kar-wai, wurde im Vorjahr in Cannes noch als Enttäuschung gehandelt. In der nun vorliegenden neuen Version präsentiert er sich als meisterliches Melodram.

Wien - Eine in der Geschichte des zeitgenössischen Kinos beispiellose "Rettung" ist zu vermelden: Ein strahlendes Meisterwerk, das sich wie der sprichwörtliche Phönix wenn schon nicht aus Asche, so doch aus einer Anhäufung von Trümmern überraschend doch noch erhoben hat.

2046 - jahrelang wartete die internationale Cineastengemeinde auf das große Herzensprojekt von Wong Kar-wai, für das sich der in Hongkong ansässige Auteur und Filmemacher unüblich viel Zeit gelassen hatte, bis es im Vorjahr in Cannes (und auch dort mit Verspätung, am Rande zur Absage) die Weltpremiere feierte.

Eine (wenn das überhaupt denkbar war) Steigerung und Überhöhung gegenüber Wong Kar-wais letztem Melodram In the Mood for Love hatte man erwartet - und sah einen merkwürdig unentschlossenen Torso. Eine Abfolge opulent gestalteter Breitwandaufnahmen unerfüllter Sehnsüchte, die zu betörenden Songs (Nat King Cole! Connie Francis!) und Orchesteraufnahmen (Peer Raben, Shigeru Umebayashi) merkwürdig kalt ließen.

Es war, als hätte sich hier ein Genie mit unbestreitbarer Vision verrannt und verzettelt - drei Kameramänner hatte der Regisseur bei nicht enden wollenden Drehs und immer wieder neu gestalteten Facetten und Impressionen verschlissen . . . Da und dort sprach man davon, dass 2046 wohl so etwas wie Brian Wilsons jahrzehntelang versprochenes und als unbekannte Legende gehandeltes Album Smile für das Kino geworden sei: ein Hybrid, gescheitert in einem Übermaß an Ambition und Perfektionismus.

Delikate Wehmut

Fast ein Jahr später kommt 2046 nun in die Kinos und ist nichts weniger als ein völlig anderes Werk. Eigentlich müsste man Wong Kar-wai heuer in Cannes noch eine Ehren-Palme verleihen: So sehr lässt die nun vorliegende, fertig gestellte Version dieses elegischen Film-Gedichts nahezu alles weit hinter sich, was in den vergangenen Jahren im Kino auch nur irgendwie als preiswürdig erachtet wurde. Man muss sich schon umsehen unter den großen Melodramen etwa von Vincente Minnelli, Douglas Sirk, Rainer Werner Fassbinder, um vergleichbare Delikatesse mit wahrhaftigerer Wehmut, vollendete Künstlichkeit mit schlichtester Klarheit verbunden zu sehen. Ein schönerer Anlass, sich ins Kino zu verlieben, ist schwer denkbar.

Wie In the Mood for Love und wie Wong Kar-wais frühe Werke Days of Being Wild und Ashes of Time erzählt 2046 über Erinnerungen an etwas, das man verloren meinte, an dem man also umso inbrünstiger festhält. Es geht um Erinnerungsfetzen inniger Liebesbeziehungen, oder was man sich darunter vorstellt. Es geht um die Kostümierungen, Posen und Träume, die mit diesen Vorstellungen einhergehen. Und es geht einmal mehr darum, dass der Stoff, aus dem diese Träume gewoben sind, durchaus billig zu haben ist. Das Licht, das auf ihn scheint, kann ihn zum Glänzen bringen. Wenn dieses Licht verrückt wird, wirft er vielleicht nur noch melancholische Schatten.

Niemand weiß das besser als Chow (Tony Leung), der Protagonist des Filmes: Als Schriftsteller von Drei-Groschen-Romanen, in denen sich Softporno, Sciencefiction und Martial Arts die Hand geben, ist er ein kühler Pragmatiker schneller Reize und Verführungen. Und im "Privatleben" scheint er insgesamt ein Vertreter des abrupten "Ich liebe Sie nicht" zu sein, ein Verächter dessen, was ihm zu eilfertig zu Füßen liegt.

Nicht nur in insgesamt drei ineinander verwobenen Episoden (mit den grandiosen Schauspielerinnen Gong Li, Zhang Ziyi und Faye Wong) erhebt 2046 diese Sehnsucht nach dem, was nicht zu haben (oder zu halten) ist, zum obersten Prinzip (auch des Kinos), sondern auch in einer Fiktion innerhalb der Fiktion, einer "Verfilmung" einer SciFi-Novelle von Chow:

Verzögerte Reaktionen

In einem Hochgeschwindigkeitszug in ferner Zukunft verliebt sich ein junger Punk in einen mysteriösen und leider ein wenig defekten, weiblichen Androiden: Eine künstliche Prostituierte, die nur noch zeitverzögert reagiert. Trauer, Lust, Interesse durchlebt sie immer erst nachher in ihrer Ladebatterie, bleibt so ihrem Liebhaber ein ewiges, unerfülltes Rätsel und gerade daher faszinierend.

Die Zahl "2046" ist in diesem Spiel - auch mit unentschlüsselbaren Codes - zweierlei: Zum einen die Nummer eines Hotelzimmers im Hongkong der späten 60er-Jahre. Zum anderen eine Jahreszahl. Und oft ist es schwer auszumachen, welches Ambiente nun "futuristischer" oder zumindest fremder wäre. Jenes der SciFi-Geschichte, die ein wenig an Philip K. Dick (Träumen Androiden von elektrischen Schafen?) erinnert, ist dem Betrachter nicht selten näher als der fragmentierte Retro-Look, in dem Chow als ewiger Hotelgast heimisch und fremd zugleich bleibt.

Und dazwischen dann irritierend schöne Vereinsamungsbilder wie jenes einer jungen Frau, die sich über ein seltsames Gebilde beugt: Es könnte ein Schalltrichter sein, oder auch die Iris eines riesigen Auges. Und während man da nachdenkt über das Sehen und Hören in diesem Film, könnte man sich an etwas erinnern, das Wong Kar-wai kürzlich in einem Interview mit der taz sagte: "Das ist eine große Kugel aus schwarzem Marmor. Wegen der Licht-und Farbreflexe sieht sie ein bisschen wie ein Baum aus. Und viele nehmen die Form als konkav wahr, obwohl sie konvex ist: eine Illusion."

In solchen "Illusionen" verliert man sich als Betrachter von 2046 immer wieder. Und es sagt einiges über die Gestaltung, wie auch über die Entstehungsgeschichte dieses Films, wenn Wong Kar-wai ihn als "Tagebuch einer Irrfahrt" beschrieben hat: "Daher ist die chronologische Anordnung vollkommen unerheblich. In Ihrem Kopf können Sie eine Minute ins Unendliche dehnen, so wie Sie etwas Unwichtiges einfach auslassen können." 2046 verleiht diesen Unendlichkeiten und Auslassungen betörende Klänge und Farben. In der nun vorliegenden Fassung ist dies ein wahrer Echoraum der Erinnerung, den man immer wieder aufsuchen will.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.3.2005)

Von Claus Philipp
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Ein Echoraum der Erinnerungen, durchsetzt mit Spiegelungen, Doppelungen, betörenden Farben und Klängen – und ein Liebesgedicht an das Kino: Tony Leung
und Zhang Ziyi in Wong Kar-wais jüngstem Melodram "2046"
    foto: polyfilm

    Ein Echoraum der Erinnerungen, durchsetzt mit Spiegelungen, Doppelungen, betörenden Farben und Klängen – und ein Liebesgedicht an das Kino: Tony Leung und Zhang Ziyi in Wong Kar-wais jüngstem Melodram "2046"

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