Ohne zu trennen

22. Juli 2005, 23:38
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Neue Foto- und Drucktechniken oder schlichtweg die Notwendigkeit zu improvisieren sorgen für Wandgestaltungen abseits des Üblichen. Künstlichkeit ist dabei kein Tabu.

Eine simulierte Ziegelwand, die den Bewegungen des Betrachters folgt und sich berührungsfrei transformiert: Von dem, was der Künstler, Kurator und Theoretiker Peter Weibel vor rund zehn Jahren als Entwurf eines neuen Schnittstellenmodells, einer interaktiven Wand, unter dem Titel "Der Vorhang von Lascaux" vorstellte, ist die Realität räumlichen Gestaltens meilenweit entfernt. Wandintegrierte Informations- und Kommunikationstechniken existieren zwar in Form recht ausgereifter Prototypen, schlussendlich sind sie aber auch nicht viel mehr als überdimensionale Touchscreens. Bis diese interaktiven Technologien das Wohnen und unser heutiges Verständnis von einer Wand grundlegend verändern, werden wohl noch abertausende Laufmeter an Gipskarton-Ständerwänden verspachtelt werden.

Dennoch tut sich was an den Wänden

Sowohl Architekten- und Künstlerteams als auch die Industrie zeigen sportliche Ambitionen beim Entwickeln neuer Wandoberflächen und Materialtechnologien. Bele Marx und Gilles Mussard entwickelten im Rahmen ihrer meist baubezogenen Kunstprojekte eine Technologie, die es gestattet, großformatige Dias dauerhaft in Glasschichten einzuarbeiten. Photoglas heißt sowohl die seit 1998 gemeinsam mit verschiedenen Partnern wie Ilford und Glasfachleuten entwickelte Technik. Photoglas heißt auch das Büro der beiden Fotokünstler. Für Innen- und Außenräume gestalten sie transluzente, mehrschichtige "Lichtwände" und "Farblichtskulpturen", die visuelle Phänomene unter dem Einfluss von Natur- und Kunstlicht thematisieren und zudem hohen technologischen Anforderungen wie höchster Farbbrillanz und Lichtechtheit genügen müssen.

Das aufwändige Verfahren wurde bereits patentiert, und anhand konkreter Projekte wird intensiv weitergeforscht, welche Effekte mit diversen Glasqualitäten zu erzielen sind. Die jüngste Realisierung erfolgte im Zuge eines von der Wiener Architektin Silja Tillner geplanten Marktplatzes im schweizerischen Opfikon bei Zürich. Für richtiges Wasser in Form eines Brunnens fehlte es am Budget. Um dennoch den beruhigenden Effekt des Fließens zu integrieren, schufen Bele Marx und Gilles Mussard ein in die Garageneinhausung integriertes Bildprogramm, das als siebzehn Meter langes Band in der Sockelzone beginnt und sich in den Fassadenöffnungen fortsetzt.

Eine womöglich interessante Alternative zum Revival der 70er-Jahre-Tapeten könnten die mit individuellen Dekoren versehenen Schichtstoffplatten aus dem Hause Isomax sein. Die werden einfach auf einer CD oder per E-Mail an den Hersteller geschickt. Nach zwanzig Arbeitstagen wird das persönliche Wunschdekor geliefert. Fantasie und Geschmack sind dabei keine Grenzen gesetzt. Als spekta- kulären Erlebnisraum in Szene gesetzt hat das innovative Wand- und Möbelma- terial die Architektengruppe Caramel als "Wahrnehmungsschleuse" zwischen dem Straßenraum und dem Innenraum der Galerie Artbits im siebenten Wiener Bezirk. Sie realisierten ein begehbares Objekt aus zweidimensionalem Dschungeldesign. Spiegeltüren ließen die künstliche grüne Oase in der Stadt ins Unendliche erweitert erscheinen.

Es braucht nicht unbedingt komplizierte und teure Technologien,

... um interessante Effekte zu erzielen, und es braucht nicht immer Glas, um durchsichtige Wände zu produzieren. Manchmal muss es erstens preisgünstiger gehen und wäre zweitens Glas eine denkbar ungünstige Wahl. Der Architektengruppe Querkraft, die im Zweckentfremden und im kreativen Umgang mit Restriktionen jeder Art schon öfter beachtenswerte Meisterschaft bewiesen hat, fiel auch zum Thema Wand überraschend Einfaches mit großer Wirkung ein. In einem alten Gewerbebau in Wien gestalteten die Baukünstler für eine Filmproduktionsfirma originelle Abtrennungen zwischen den Bürozellen und den Gangflächen. Durchsichtig sollten sie sein, aber da quer zu den Deckenträgern das Einpassen von Glas vermutlich ein ziemliches Gemurkse geworden wäre, entschieden sie sich für ein leichter zu handhabendes Material: Die dicken, durchsichtigen Kunststoffplanen, wie sie auch in Kühlräumen zum Einsatz kommen, vermitteln im Gegensatz zur gläsernen Härte und Eindeutigkeit eine poetischere Spielart von Transparenz. Die Durchsichtigkeit erinnert eher an flirrende Luft, wodurch die Konturen des Raumes weicher erscheinen. Grüne, kurbelförmige Metallbügel dienen als Türgriffe. Noch etwas kann das zum Beispiele auch aus Kühlräumen bekannte Material: Es verströmt einen zwar eigenwilligen, gar nicht so unangenehmen Kunststoffduft - und das alles ganz ohne technologischen Aufwand.
(Der Standard/rondo/11/03/2005)

Von Franziska Leeb
  • Klare Verhältnisse: die Kunststoffwände von Querkraft für eine Filmfirma sind bei einem Kühlraum abgeschaut.
    foto: hertha humasu/stefan fiedler

    Klare Verhältnisse: die Kunststoffwände von Querkraft für eine Filmfirma sind bei einem Kühlraum abgeschaut.

  • Die Architekten von Caramel haben mit bedruckten Kunststoffplatten einen Dschungelpfad geschlagen.
    foto: hertha humasu/stefan fiedler

    Die Architekten von Caramel haben mit bedruckten Kunststoffplatten einen Dschungelpfad geschlagen.

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