Einschreiten - "Deine Watschen kriegst gleich jetzt.."

10. März 2005, 19:15
31 Postings

Es war gestern. Am frühen Abend. Nicht einmal mit verbundenen Augen hätte man die beiden ...

Es war gestern. Am frühen Abend. Nicht einmal mit verbundenen Augen hätte man die beiden übersehen können. Immerhin flüsterte der Mann, der da im Zugang zum U3-Bahnsteig stand, nicht gerade: "Auf deine Watschen brauchst du nicht zu warten, bis wir zu Hause sind – die kriegst gleich jetzt." Auf Hochdeutsch. Und die Frau, die er gegen die Wand drückte, als er die Hand zum Schlag erhoben hatte, sah auch nicht aus, als erfülle sie Junkie- oder Unterschicht-Klischees.

Aber eigentlich hätte das ja egal sein müssen. War es auch: Die Leute zogen die Köpfe ein, schlugen ihre Mantelkrägen hoch und gingen weiter. Familiäre Gewalt ist eben Privatsache – da mischt man sich nicht ein. Auch wenn der schlagbereite Mann kein Hüne ist. Irgendeinen Grund wird er haben. Vermutlich hat sie ihn provoziert.

Hilfe?

Ich blieb stehen. Und stellte mich blöd: Ob sie eventuell Hilfe brauche, fragte ich die Frau, deren Hals vom Unterarm des Mannes gegen die Wand gedrückt wurde. Wie erwartet drehte der Droher sich um und pfauchte mich an: Ich möge mich um meinen eigenen Dreck scheren und weiter gehen. Ich trat einen Schritt näher.

Ob sie Hilfe brauche, wiederholte ich an dem Mann vorbei. Ob ich die Polizei rufen solle? Der Mann lockerte den Druck zur Wand hin und wandte sich drohend mir zu: Ich könne mich schon von meinem Nasenbein verabschieden, meinte er und trat auf mich zu. Die Frau holte Luft. Ich sah sie fragend an und baute mich mit erhobenen – aber immer noch offen auf ihn zugewandten - Händen vor ihrem Mann auf.

Rollenwechsel

Da begann sie zu brüllen. Gellend und auf hochdeutsch: Ich möge sie und ihren Mann gefälligst und endlich in Ruhe lassen. Wie käme sie dazu, hier – in der U-Bahn – von einem Wildfremden belästigt zu werden. Ich möge verschwinden, bevor ihr Mann das einzig richtige täte – nämlich mich zusammen zu schlagen um sie und sich zu schützen. Und so weiter.

Die Frau brüllte sich in Rage und steigerte sich von Satz zu Satz ­ und schon bildete sich ein Kreis um uns. Ich wandte mich ab. Die Gaffer schauten mich strafend an und gingen weiter. Hinter mir hörte ich die Stimme des Mannes: "Du brauchst jetzt aber nicht glauben, dass du deswegen zu Hause deine Portion Hausdetschen nicht kriegst." Ich ging weiter.

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

Share if you care.