"Die arabischen Dissidenten hörten Präsident Bush"

12. März 2005, 18:01
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Israelischer Minister und früherer sowjetischer Dissident Natan Sharansky im STANDARD-Interview

Standard: Sie haben ein Buch über die Demokratie geschrieben, und der US-Präsident hat es gelesen und zitiert daraus. Macht Sie das stolz?

Sharansky: Dieses Buch ("The case for democracy") fasst die Ideen zusammen, über die ich seit 30 Jahren nachdenke, schreibe und spreche: Bevor ich ins Gefängnis kam, während ich im Gefängnis war, nachdem ich freigelassen wurde, als ich nach Israel kam und in die Regierung eintrat. Ich habe die letzten 15 Jahre gekämpft, um diese Ideen in der freien Welt zu verbreiten, und ich habe nicht viel Erfolg gehabt. Die Idee, dass Sicherheit für ein Land nur durch die Förderung von Demokratie und Menschenrechten gewährleistet ist, ist nach dem Ende der Sowjetunion aufgegeben worden.

Die politische Linie war dann: Wir können nicht für andere Menschen entscheiden, wie sie leben; aber wir können sicherstellen, dass sich Diktatoren freundlich gegenüber uns verhalten. Ich habe es nicht geschafft, die Führer in der freien Welt, aber auch meine Partner auf der Linken und der Rechten in Israel zu überzeugen, dass das ein falsches Konzept ist.

Standard: Jetzt haben Sie einen Zuhörer gefunden.

Sharansky: Es gab eine Reihe von Zufällen. Der Präsident las mein Buch an seinem ersten freien Wochenende nach der Wahl im November, und das Weiße Haus rief meinen Verleger an. Ich traf den Präsidenten genau an dem Tag, als Arafat für tot erklärt wurde. All das kam zusammen, und Präsident Bush sagte mir: "Ihr Buch fasst sehr gut zusammen, was ich auch denke - Freiheit ist für alle Menschen. Es ist ein Geschenk Gottes."

Standard: Dann haben Sie beide über die Palästinenser gesprochen?

Sharansky: Es war klar an jenem Tag, dass es bei den Palästinensern innerhalb der nächsten zwei Monate Neuwahlen geben würde. "Was, glauben Sie, wird dann geschehen?", fragte mich der Präsident, und ich habe ihm geantwortet: "Es ist wichtig, zu den Dissidenten zu sprechen. Das hat auch Ronald Reagan getan gegenüber der Sowjetunion. Das war damals eine große Ermutigung für uns." Der Präsident hat dann in einer Reihe von Reden Ideen aus meinem Buch übernommen, und er hat sich an die Dissidenten in den totalitären Regimen gewandt. Was wir heute in Nahost sehen, im Irak, in Beirut, in Syrien, in Ägypten ist genau die Folge davon, dass die Dissidenten den Präsidenten hörten.

Standard: Sie glauben also an den Aufbruch in die Demokratie im Nahen Osten?

Sharansky: Das ist natürlich ein Prozess. Wenn die Menschen überall auf der Welt wirklich eine Wahl hätten, würden sie lieber in Freiheit leben als in Furcht. Zu sagen - was ich schon tausendmal gehört habe - dass Demokratie und Araber nicht zusammenpassen, ist eine Art Rassismus. Es ist dasselbe, was ich über Russland gehört habe, als ich selbst Russe war. Man sagt mir: Aber wo sind die arabischen Dissidenten? Nun, je mehr von ihnen umgebracht werden, umso weniger gibt es natürlich. Und die freie Welt hat nicht auf sie geachtet. Je mehr man sich aber um sie kümmert, umso schneller wird es Dissidenten geben.

Standard: War der Irakkrieg eine Bedingung für die neuen Demonstrationen in Nahost?

Sharansky: Eines ist sicher: Gibt es einmal die erste arabische Demokratie, wird alles anders. Ich habe eine Zeit lang gehofft, die Palästinenser würden diese erste demokratische Nation. Es geschah nicht, weil wir, die freie Welt, versuchten, Frieden zu schaffen, indem wir einen korrupten Diktator stärkten. Jetzt gibt es Hoffnung, dass der Irak zu dieser ersten Nation wird, aber vielleicht auch die Palästinenser. Es gibt eine logische Verbindung zwischen allem: dem Irak, der Ukraine, den starken Botschaften von Präsident Bush. Die Menschen haben jetzt weniger Angst. Es ist ein Schneeballeffekt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2005)

mit Natan Sharansky sprach Markus Bernath

Zur Person:
Natan Sharansky, 1948 in Donetsk, Ukraine, geboren, war ein führender sowjetischer Dissident. 1977 wurde er verhaftet, 1986 freigelassen. Er wanderte nach Israel aus und ist heute Minister für die Diaspora und Jerusalem.
  • Natan Sharansky, Diaspora-Minister
    foto: standard/cremer

    Natan Sharansky, Diaspora-Minister

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